Voraussichtlicher Erscheinungstermin September/Oktober 2018

August, in einem Badesee schwimmen Kristina und Michael. Später stürmen sie auf ihre Decke und lesen sich abwechselnd aus ihren mitgebrachten Lieblingsbüchern vor. Der 14-jährige Michael steht auf, greift sich etwas Kleingeld und geht ein Glas rote Limonade und eine Bockwurst holen. Beides teilt er sich mit seiner gleichaltrigen Klassenkameradin in vertrauter Selbstverständlichkeit. Als es dunkel wird, radeln sie zurück in die Stadt. An einer Stelle ihres Weges wird der Feldweg vom dichten Blätterdach einer vielhundertjährigen Eiche und einer ebenso alten Linde überspannt. Übermütig grüßen sie die beiden mächtigen Stämme. Sie kennen die Geschichte von Philemon und Baucis, die einer nicht ohne den anderen leben wollten. Von Zeus und Hermes belohnt, nach ihrem gleichzeitigen Tod, zum Zeichen für die Kraft menschlicher Liebe, als Eiche und Linde die Zeiten überdauern.


 

50 JAHRE SPÄTER

In der Abflughalle des Leipziger Flughafens herrscht der typische Urlaubsverkehr. Gute Laune und die Freude auf kommende Tage spiegeln sich in den Gesichtern der Passagiere und schwingen in den Gesprächen. Mehr noch spiegelt sich die Erwartung in den Augen der zahlreichen Kinder jeden Alters. Es ist, als hinge eine lichte Wolke über den Köpfen der Menschen.

Michael, 65 Jahre, ein sportlicher, Turnschuhe tragender Mann, steht in der Schlange zum Check-In. An seiner Brust lehnt Kristina, ein Läufertyp, seine gleichaltrige ehemalige Klassenkameradin und Jugendliebe. Beide wollen einige Tage in Großbritannien verbringen und dann in der Hochzeitsschmiede Gretna Green heiraten.

Am Eingang steht Edgar, eine Tatkraft verbreitende Erscheinung in langem Mantel, mit auffälligem Panamahut über einem energischen Gesicht, ein amerikanischer Drehbuchautor und Geschichtenjäger. Neben ihm, oder vielmehr in seinem Gefolge befinden sich die hübsche Studentin Sophie und ihr gutaussehender Dozent Daniel. Edgar dirigiert die beiden durch die Flughalle, mustert die Umgebung und taxiert mit Blicken die Menschen, die eilig unterwegs sind. Sein Blick heftet sich auf Michael und Kristina. ‚Die beiden sind etwas Besonderes‘, sagt ihm sein Spürsinn. Sophie, die seinen Blicken gefolgt war, deutet vorsichtig hinüber. „Die beiden sehen sooo glücklich aus“, sagt sie und stößt gleichzeitig ihren Begleiter in die Rippen. „Was du wieder siehst“, tadelt der seine um einige Jahre jüngere Begleitung und legt seine Hand auf den schmerzenden Rippenbogen, wobei seine Gesichtszüge deutlich zeigen: ‚Du bist so lieb, aber deine Spontanität ist kaum zu ertragen.‘

Indessen richtet Sophie die Aufmerksamkeit ihres Begleiters auf das Pärchen und erklärt schwärmerisch: „Sieh nur, die sehen aus wie Philemon und Baucis.“ „Komme mir jetzt bitte nicht mit den alten Griechen! Ich habe Ferien und da will ich im Jetzt leben. Mit dir und nicht mit Philemon und Baucis.“ Der Drehbuchautor, der dem Gespräch gespannt – wie ein Jäger auf der Pirsch – gefolgt war, bemerkt: „Ja, die sind glücklich, diese beiden Lieblinge der Götter. Die entgehen uns nicht, Kinder! Sie fliegen wie wir nach London und wenn ich sie für mein Projekt begeistern kann, so, wie es mir mit euch gelang, dann habe ich den Stoff für meinen Mehrteiler endlich zusammen.“ Er nickt zufrieden und in seinen Gedanken entwickelt sich eine erste Begegnung. „Nicht doch“, unterbricht Sophie seine Gedanken, „so alt wie die in der griechischen Mythologie sind die beiden noch lange nicht.“ „Gut beobachtet“, bestätigt Edgar, „aber sie haben eine gemeinsame Geschichte und die interessiert mich. Die muss ich erfahren.“ Daniel tippt seiner Freundin auf die Nase: „So alt sind sie wirklich nicht, aber sicher so glücklich wie die beiden Götter, wie du schon bemerktest.“ Keine Widerrede duldend fordert Sophie: „Daniel, so glücklich musst auch du mich machen!“ Natürlich liebste Sophie, werde ich dich glücklich machen und wenn es sein muss, genau wie diese da.“ Sie lächelt dankbar zu ihm auf, während er, ganz Dozent, fortfährt: „Viel Leid, auf seinen Bahnen muss der Mensch ertragen, um glückhaft einen Augenblick zu nennen.“ „Du sollst nicht Leid mir, die Liebe sollst du mir bringen“, zahlt sie mit gleicher Münze zurück. Er gibt sich nicht geschlagen. Schließlich ist er der Lehrer: „Es ist ein Brunnen tief, den es auszuschöpfen gilt! Auf seinem Grund die Liebe liegt, die tiefer als der tiefste Brunnen ist“.

„Hört endlich auf zu spinnen: Brunnen tief die Liebe ist. Die Grube allein, die uns am Ende alle erwartet, ist tief, nichts sonst“, unterbricht Edgar das Zwiegespräch und fordert sie auf, „kommt, die sehen wir uns etwas näher an.“ „Echt unromantisch“, flüsterte Sophie, auf den Zehenspitzen trippelnd, ihrem Doktor ins Ohr. „Wie kann man da sein Geld mit Drehbuch schreiben verdienen?“ „Der verdient mehr mit seiner unromantischen Art, wie du zu bemerken pflegst, als ich, der ich mich mit solchen Studentinnen und Studenten herumschlagen muss, die immerfort glücklich sein wollen.“ „Ja, ja,“ auch diesen Dialog hat der Geldmacher verfolgt, „so ist das. Geld muss man verdienen, aber das musst du erst am eigenen Leib erfahren, wenn dein Vater keinen Scheck mehr schickt.“ Was für ein profaner Gedankengang. Sophie rümpft enttäuscht ihre süße Stupsnase, die Daniel so gern küsst und der tröstet seine Studentin gleich mit der erwarteten Liebkosung. Dankbar schmiegt sich diese an ihn: „Um ein Bild zu zeichnen: Edgar, nach deinen Worten gleicht die Liebe eher einem alten Mann, der über jede Bordsteinkante stolpert, als einem Hirsch, der förmlich die Weiten überspringt.“ „Männer, Männer wie seid ihr unromantisch. Der Mann mit seiner Dame ist sicher voll süß.“ Die so Gescholtenen lachen herzlich.

All dies nicht ahnend haben Kristina und Michael indessen alle Formalitäten erledigt und gehen in den Transitraum weiter. Hier nimmt Kristina in einem bequemen Sessel Platz und Michael entfernt sich, um zwei Tassen Kaffee zu holen. Edgar mit Anhang Sophie und Daniel sind den Liebenden gefolgt und treten nun zu ihnen. Der Geschichtenjäger zieht seinen Hut, deutet eine Verbeugung an und stellt sich vor: „Gestatten Sie: Edgar Mortau, Geschichtenjäger und Drehbuchautor“. „Kristina Stübner“, erwidert die Angesprochene mit fragendem Blick und leichtem Spott in ihren Augen. ‚An wen erinnert der mich nur?‘, fragt sie sich. ‚Ist er eher Hemingway oder Egon Erwin Kisch?‘

Edgar hatte den feinen Spott nicht überhört. „Entschuldigen Sie bitte, missfiel Ihnen meine Vorstellung?“, fragt er unsicher. „Ach nein, ich fand Sie sehr formvollendet und freue mich schon jetzt, Sie kennenzulernen. Nun ja, aber bitte nehmen Sie es mir nicht übel: Ich dachte, wenn der jetzt noch die Hacken zusammenknallt, fällst du aus dem Sessel.“ Sophie prustet los und erntet von Edgar und Daniel ein tadelndes „Aber, aber.“ In groben Umrissen beginnt Edgar nun, sein Anliegen vorzutragen. Als Michael mit seinem dampfenden und wohlriechenden Kaffee zurückkommt, findet er drei Personen um seinen Tisch sitzend und mit seiner Jugendliebe in ein Gespräch vertieft. Neben Kristina hat ein vierschrötiger Mann, anscheinend mit einer Erklärung beschäftigt, Platz genommen.

Eine junge Frau, auffallend hübsch mit schulterlangem Haar und verpackt in teure Markenkleidung, lauscht aufmerksam und hält dabei einen vielleicht doppelt so alten, aber sportlichen Mann an der Hand. Sie nicken ab und an, als bestätigen sie die wortreichen Erklärungen des Dritten, die immer wieder von weitausholenden Handbewegungen untermalt werden. ‚O Gott‘, denkt Michael. Er bleibt etwas abseits stehen, um die Szene beobachten zu können. Dabei ist ihm an der Stirn abzulesen, dass er um seine Zweisamkeit fürchtet. Er sollte Recht behalten. Vorerst aber denkt er, den Reporter betrachtend: ‚Der ist wohl etwas aus der Zeit gefallen. Mit diesem Hut erinnert er mich an den rasenden Reporter, den Prager Egon Erwin Kisch, oder an Hemingway, aber der ging ja wohl immer mit seinem Jagdgewehr umher! Wobei, er sieht aus wie ein amerikanischer Schriftsteller. Fehlt nur die lässige Zigarette. Hier ist ja Gott sei Dank Rauchverbot.‘

„Das ist Edgar Mortau“, ruft Kristina, die seine zögerliche Haltung bemerkt hat. „Seine Begleiter sind Sophie und Daniel, eine Studentin mit ihrem Dozenten.“ Sie winkt ihn heran. Schnell erklärt sie: „Herr Mortau ist ein Journalist und Drehbuchautor aus Amerika.“ Zögerlich tritt Michael näher. Er wundert sich etwas über die Begeisterung seiner Gefährtin. „Stell dir vor, er reist um die Welt und sucht Geschichten über die Liebe. Ein glückliches Pärchen, Sophie und Daniel, hat er schon gefunden.“ ‚Da hat er sicher nicht lange suchen müssen: blutjunge Studentin, sicher aus reichem Haus mit ihrem notenaufbessernden Dozenten‘, macht sich Michael, der Spötter, sein Bild. Kristina, die ahnt, was er denkt und verhindern will, dass ihr Michael seine Gedanken ausspricht, erklärt schnell: „Herr Mortau will eine Serie über die Gesichter der Liebe drehen.“ „Ach, und jetzt zieht er durch den Osten und trifft ausgerechnet auf uns. Denn ohne Zweifel erwecken auch wir sein Interesse und er wittert, wie ein Dackel das Wild, unsere Geschichte. Er hat weiß Gott eine gute Spürnase, dieser Ernest Hemingway, der Großwildjäger.“

„Mit dem Hemingway haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen“, Edgar lächelt gewinnend, „da haben Sie Recht, mit der Nase und dem Spuraufnehmen. Ja, es steckt nicht wenig Wahrheit in Ihrer Bemerkung.“ Er macht, ohne sich aus dem Sessel zu erheben, eine angedeutete Verbeugung: „Übrigens, meine Freunde nennen mich Edgar. „Übrigens, meine Freundin Kristina und ab jetzt auch Sie, nennt mich Michael“, erwidert Michael und nickt in die Runde. Die Bekanntschaft ist geschlossen. „Ich fühle mich diesem Typen in einer Art Wesensverwandtschaft vereint“, kommt Edgar auf Hemingway zurück, „er Trophäenjäger ich Geschichtenjäger. Und was mein Schreiben und meine innere Unruhe betrifft, eifere ich dem rasenden Reporter Egon Erwin Kisch gern nach.“ Kristina, ihr gefällt sichtlich der Wortwechsel, erklärt lachend: „Aber bitte vergesst nicht, E.E.K. starb 1948 und E.H. 1961. Da liegen einige Entwicklungen dazwischen. Die sind sozusagen schon einige Jahre im Himmel, wenn es den für Journalisten und Dichter überhaupt gibt.“ „Ja, so war sie schon immer: genau, präzise und unheimlich klug.“ Michael, selbst Dichter und Schreiber, freut sich über diese Erklärung seiner ehemaligen Klassenkameradin. Als Dank stellt er ihr eine der Tassen mit dem nun schon weniger heißen Kaffee an ihren Platz, während seine Augen eine weitere Erklärung suchen.

„Ihre berechtigte Frage zu beantworten, sage ich: Bitte entschuldigen Sie.“ Jetzt erhebt sich Edgar und erklärt stehend: „Mein journalistischer Instinkt führt mich zu Ihnen beiden. Sie beide sind mir und meinen deutschen Freunden bereits beim Betreten der Abflughalle aufgefallen. Weshalb wir nun jetzt bei Ihnen sitzen.“ Sophie drängt sich nach vorn: „Sie beide machen einen voll süßen Eindruck. Vermutlich stehen Sie unter dem Schutz der Venus“, brilliert sie mit ihrem Wissen. „Ach ja, weil uns die Liebe, die diese Dame verkörpert, förmlich aus den Augen strahlt“, entgegnet lächelnd Michael, der starke Bilder liebt, recht flapsig. Sophie, sich freuend über dieses quasi Lob, erwidert: „Ja, genau oder vielmehr wegen der Geschichte, die sich hinter Ihrem Strahlen verbirgt.“

„Aber bitte, meinen Kaffee darf ich schon abstellen?“, erkundigt sich Michael, dessen Tasse kaum noch eine Wärmewolke abgibt. „Natürlich, bitte, bitte. Wir wollen Sie nicht bedrängen. Setzen Sie sich doch auch.“ Michael tut dies und murmelt: „Menschen und ihre Geschichten. Ja, das ist eine schöne Aufgabe, die Sie sich da gestellt haben. Obwohl, so selten ist sie nicht.“ „Da haben Sie Recht, selten ist dies nicht, dennoch selten von so offensichtlicher Tiefe, wie in Ihrem Fall. Da irre ich mich nicht.“ Michael winkt ab: „Wenn Sie mit Tiefe eine gewisse Anzahl von gemeinsam verbrachten Jahren meinen, muss ich Sie enttäuschen. Wir beide wollen erst heiraten. Im Übrigen“, jetzt geht er auf Distanz, „soll Kristina entscheiden“, er nimmt ihre Hand und streichelte sie zärtlich, „ob und was wir von unserer Geschichte preisgeben.“

„Es ist gerade dieser Umstand, der mich neugierig sein lässt und der Ihre Geschichte noch interessanter macht.“ Eine Denkpause liegt in der Luft. Alle hängen ihren Gedanken nach, bis Kristina, sich an ihren Michael wendend, erklärt: „Warum sollen wir nicht berichten, was uns verbindet, was uns trennte und schließlich zusammenführte?“ „Na bitte Sie haben Ihr Ziel erreicht“, Michael lehnt sich zurück und lauscht der ihm so vertrauten Altstimme seiner Jugendliebe nach, mit der sie ihren Bericht beginnt. Edgar zückt seinen Schreibblock.

„Wir kennen uns wirklich schon sehr lange,“ begann Kristina. So lange, dass man es nach menschlichem Ermessen als eine Ewigkeit bezeichnen kann. Obwohl wir nicht zusammen eingeschult wurden. Michael kam ein Jahr später in meine Klasse. Was mir sofort auffiel, war seine ruhige Verhaltensweise. Ich hatte sofort den Eindruck: der ist ein echter Tagträumer.“ „Ja, das war ich auch. Ich weiß bis heute nicht, wie ich die ersten vier Schuljahre hinter mich brachte.“ „Eines fiel aber allen auf und besonders mir“, nimmt Kristina ihren Faden wieder auf, „du warst schon als Kind eine Leseratte und im Unterricht vorlesen und Gedichte aufsagen, das war deine Welt. Das merkte man und du hattest auch immer eine 1 in Literatur.“ „Gott sei Dank“, ergänzt Michael, „sonst hätte ich in Deutsch übel abgeschnitten.“ „Du hast dich gebessert“, lobt seine Jugendliebe. „Er war eine Leseratte, kannte alle Bücher seiner Eltern – das waren einige Schränke voll – und machte vor keinem Halt.“ „Alle, wirklich alle?“, wirft Sophie ein. „Ja, auch die Doktorbücher, wenn Sie die meinen“, antwortet Michael und Kristina ergänzt: „Die und vor allen Dingen die Ars amatoria, auf die Sie vielleicht anspielen.“ „Natürlich kannte ich auch die Bücher der Entdecker und Aufrührer. Weil ich selber ein Entdecker war, Pfeifer-Hänslein und Götz von Berlichingen vor allen Dingen, die berühmte Stelle kannte ich.“

„Welche berühmte Stelle?“ Edgar stippt die leicht gehobene Nasenspitze seiner Studentin: „Natürlich die, in der der Berlichingen dem Boten des Kaisers zuruft, dabei seinen Hintern aus dem Turmfenster reckend: ‚Sag deinem Kaiser einen schönen Gruß! Er kann mich mal am …‘. Dabei schiebt er den Teil seines Körpers noch weiter aus der Turmfenster heraus.“ „Ja, ich wollte die Bauern befreien“, erzählt Michael weiter. “Später wollte ich vor allen Dingen ein Gelehrter sein. Einer, der den Menschen das Licht der Wahrheit, wie Prometheus das Feuer, bringen wollte.“

„Das hatte allerdings einen Nachteil, Michael war und blieb ein richtiger Träumer“, wirft Kristina ein. „Nicht nur zu Hause in seinem Zimmer, sondern auch in der Schule träumte er sich durch den Tag. Da sorgte er für manchen Lacher.“ „Das interessiert mich“, Edgar beugt sich vor. „Haben Sie einen solchen Lacher parat?“ Edgar holt seine Zigarettenschachtel aus der Manteltasche. Michael schüttelt lachend den Kopf, wehrt mit den Händen ab und macht den Meister darauf aufmerksam, dass hier nicht geraucht werden dürfte. „Verstehe! Dabei gibt es doch nichts Schöneres als rauchend und kaffeetrinkend Geschichten zu hören." Er greift nach einer Kaffeetasse. „Na bitte, dann nehmen Sie eben den Kaffee,“ befand Michael. „Ich darf Sie erinnern: Es ist meine Tasse, nach der Sie gerade greifen.“ „Hier, nehmen Sie gern meine“, dabei schiebt Kristina ihre Tasse über den Tisch. „Nun aber zur Geschichte! Weißt du noch, Deutschunterricht bei Fräulein Müller?“

Für Edgar klang das nach Erlebnis, nach Stoff für ein Stück. Schon sah er vor seinen Augen ein Fräulein Lehrerin. Bohnenstange, strenge Augen unter straff zurückgekämmten Haaren und neunundzwanzig erwartungsvolle Augenpaare, in engen Holzbänken klemmend, auf sie gerichtet. Nur ein Augenpaar schien nach innen gekehrt, in einer anderen Welt, nur nicht in diesem Zimmer und bei dieser Lehrerin. Kristina unterbrach seine Gedanken: „Eines Tages, mitten im Unterricht, rief unsere junge Deutschlehrerin Fräulein Müller: ‚Hallo, Michael, darf ich mal fragen, welche Prinzessin du gerade befreist?‘ Ihr Ruf bahnte sich einen Weg in Michaels Gehör. Der rief, noch ganz vom Traum befangen: ‚Lisei, Lisei, das ist des Pudels Kern!‘ Die Klasse tobte vor Vergnügen. Ich jubelte damals nicht mit. Ich bewunderte diesen Michael wegen seines Wissens. Der klappte seine Bankklappe hoch, sprang auf und erklärte, als hätte er am Unterricht teilgenommen: ‚Wir behandeln ein Gedicht des großen und verehrten Dichters Eduard von Mörike mit dem Titel Bei einer Wirtin wundermild.‘“

Kristina lächelt und denkt daran, wie sehr sie über die Anrede: ‚unseres großen und verehrten Dichters‘ erschrocken war, denn die Kinder damals verbanden mit dieser Floskel immer: ‚unser großer und verehrter Staatsratsvorsitzender‘. Die beiden lachen jetzt an dieser Stelle und klären ihre Gegenüber, die sie fragend ansehen, über die Verhältnisse damals in der DDR auf. „Ich jedenfalls wusste, warum ich diese Äußerung so angesetzt hatte,“ fuhr Michael fort. „Ich war bei einer Wirtin wundermild nämlich bei meiner Lisei aus dem Pole Poppenspäler.“

Wie wenig wir doch über unsere Mitmenschen im Osten wissen, denkt Edgar und will erfahren: „Und verstand das Fräulein Müller?“ „Doch, doch, Michael hatte bei ihr einen Stein im Brett, wie man so sagt, weil er doch ein begnadeter Rezitator war. Deshalb konnte sie ihm die Träumerei leicht verzeihen“, bestätigt Kristina. „Und, ließ sie ihn rezitieren?“, will Daniel wissen. „Ja, er musste das Gedicht aufsagen. Das tat er mit Bravur, als hätte er Zeit gehabt, es auswendig zu lernen“, antwortet seine Klassenkameradin. „In der Pause ging ich zu ihm und erzählte von meiner Begegnung mit Pole Poppenspäler und vor allen Dingen, wie sehr ich mich über Paul freute, der seine Lisei und deren Vater aus großer Not rettete.“ „So warst du. Während die anderen kaum wussten, worum es ging, wusstest du längst, was gemeint war. Weil du ebenfalls eine Leseratte warst und meine kluge Mitschülerin, die ich heimlich bewunderte und von der ich nur wusste, dass sie bei ihrer Oma lebte. Mir jedenfalls wurde damals ganz schwindlig vor Freude, dass ausgerechnet du mich angesprochen hast.“

‚Und hattest dabei rotglühende Ohren‘, denkt Kristina, während Sophie flötet: „Das ist echt süß!“ Michael sieht für einen Augenblick die großen, klugen Augen des Mädchens vor sich und spürt, wie damals, ein sanftes Wehen, das etwas ungeahnt Schönes mit ihm geschieht. Daniel unterbricht diesen Gedankenflug, indem er, wie es heute Brauch ist, sehr unromantisch einwirft: „Da hatte jemand eine Schlinge gelegt, aus der es Zeit seines Lebens kein Entrinnen geben würde! Oder?“ Der Textjäger, obwohl etwas älter, aber ganz Amerikaner, fügt an: „Ja, die Frauen. Sie sind die besseren Jäger. Nicht für den Tag – wie wir Männer – jagen sie, nein ihre Jagd gilt der Zukunft. Das ist ihre wahre Natur.“ Michael lächelt leicht: „Ich war nur zu gern ihr Kaninchen und hoppelte bereitwillig in ihre ausgelegte Schlinge.“ „Ich hatte keine Schlinge gelegt. Ich wollte nur mit dir reden.“ „So kann man das auch sehen und sich fragen: Ist es einem Kaninchen in solcher Lage möglich, glücklich zu sein? Ich war es und bin noch heute ein glückliches Kaninchen in ihrer Schlinge.“

Sophie klatscht in die Hände, dass sich die Umstehenden umdrehen und zu ihnen herübersehen. „Wie niedlich! Wie niedlich! Ein Kaninchen sitzt in der Schlinge und freut sich.“ Es ist auszumachen, dass sie dabei vor allem an Kaninchen Daniel denkt und ihn in ihrer Schlinge sieht. Mehr noch, sie scheint damit die Hoffnung auf eine Liebe zu verbinden, die ein Leben lang währen würde. Der, dem dieser Gedanke gewidmet ist, winkt heftig ab, will sich nicht hoppeln sehen und ruft: „Denke nicht zu Ende. Ich kann nie ein solch glücklicher Gefangener sein.“ „Das ist es. Du liebst mich nicht“, schmollte Sophie.

„Das mit dem Kaninchen,“ flüstert Kristina in Richtung Michael, hast du mir nie gesagt.“ „Warum sollte ich dir etwas erklären?“, kam es zurück. “Lag es doch offensichtlich in deiner Absicht, diese Schlinge zu legen. Oder irre ich mich?“

Edgar strahlt übers ganze Gesicht und freut sich, auf die beiden gestoßen zu sein: ‚Da habe ich zwei Menschenkinder gefunden, die eine echte, ursprüngliche und tiefe Liebe verbindet‘, denkt er zufrieden. „Und danach, wie ging es weiter?“, will er wissen. „Doch halt!“ Er gebietet Aufmerksamkeit. „Ich lade Sie ein, mit mir gemeinsam einen Sekt zu trinken, denn der Kaffee – er verdient die Bezeichnung nicht wirklich – ist durch meine Schuld kalt geworden.“ Dabei springt er auf und erklärt, dass er mit trockener Kehle schlechter zuhören könne und eilt schon davon. Schnell kommt er mit fünf wohlgefüllten Sektkelchen zurück. Sie feuchten ihre Kehlen und Michael beginnt erneut:

Luther, ein Mönch gegen Papst und Kaiser

6,99 €

Johannes Mönch und Rebell - Broschiertes Buch

14,99 €

Johannes Mönch und Rebell - eBook

3,49 €

Von Anfang an - Vier Geschichten über die Liebe

13,90 €

Michael Potkownik
Lobstädter Straße 34
04552 Borna
Telefon: 03433-200437
E-Mail: michaelpotkownik@web.de

Tourist-Info Borna
Markt 2
04552 Borna
Telefon: 03433-873195

"Die Buchhandlung"
Mühlgasse 5
04552 Borna
Telefon: 03433-2094350

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok