Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Kristina und Michael ...................................................................... 4

August, in einem Badesee schwimmen Kristina und Michael. Später stürmen sie auf ihre Decke und lesen sich abwechselnd aus ihren mitgebrachten Lieblingsbüchern vor. Der 14-jährige Michael steht auf, greift sich etwas Kleingeld und geht ein Glas rote Limonade und eine Bockwurst holen. Beides teilt er sich mit seiner gleichaltrigen Klassenkameradin in vertrauter Selbstverständlichkeit. Als es dunkel wird, radeln sie zurück in die Stadt. An einer Stelle ihres Weges wird der Feldweg vom dichten Blätterdach einer vielhundertjährigen Eiche und einer ebenso alten Linde überspannt. Übermütig grüßen sie die beiden mächtigen Stämme. Sie kennen die Geschichte von Philemon und Baucis, die einer nicht ohne den anderen leben wollten. Von Zeus und Hermes belohnt, nach ihrem gleichzeitigen Tod, zum Zeichen für die Kraft menschlicher Liebe, als Eiche und Linde die Zeiten überdauern.

 

50 JAHRE SPÄTER

In der Abflughalle des Leipziger Flughafens herrscht der typische Urlaubsverkehr. Gute Laune und die Freude auf kommende Tage spiegeln sich in den Gesichtern der Passagiere und schwingen in den Gesprächen. Mehr noch spiegelt sich die Erwartung in den Augen der zahl-reichen Kinder jeden Alters. Es ist, als hinge eine lichte Wolke über den Köpfen der Menschen.

Michael, 65 Jahre, ein sportlicher, Turnschuhe tragender Mann, steht in der Schlange zum Check-In. An seiner Brust lehnt Kristina, ein Läufertyp, seine gleichaltrige ehemalige Klassenkameradin und Jugendliebe. Beide wollen einige Tage in Großbritannien verbringen und dann in der Hochzeitsschmiede Gretna Green heiraten.

Am Eingang steht Edgar, eine Tatkraft verbreitende Erscheinung in langem Mantel, mit auffälligem Panamahut über einem energischen Gesicht, ein amerikanischer Drehbuchautor und Geschichtenjäger. Neben ihm, oder vielmehr in seinem Gefolge befinden sich die hübsche Studentin Sophie und ihr gutaussehender Dozent Daniel. Edgar dirigiert die beiden durch die Flughalle, mustert die Umgebung und taxiert mit Blicken die Menschen, die eilig unterwegs sind. Sein Blick heftet sich auf Michael und Kristina. ‚Die beiden sind etwas Besonderes‘, sagt ihm sein Spürsinn. Sophie, die seinen Blicken gefolgt war, deutet vorsichtig hinüber. „Die beiden sehen sooo glücklich aus“, sagt sie und stößt gleichzeitig ihren Begleiter in die Rippen. „Was du wieder siehst“, tadelt der seine um einige Jahre jüngere Begleitung und legt seine Hand auf den schmerzenden Rippenbogen, wobei seine Gesichtszüge deutlich zeigen: ‚Du bist so lieb, aber deine Spontanität ist kaum zu ertragen.‘

Indessen richtet Sophie die Aufmerksamkeit ihres Begleiters auf das Pärchen und erklärt schwärmerisch: „Sieh nur, die sehen aus wie Philemon und Baucis.“ „Komme mir jetzt bitte nicht mit den alten Griechen! Ich habe Ferien und da will ich im Jetzt leben. Mit dir und nicht mit Philemon und Baucis.“ Der Drehbuchautor, der dem Gespräch gespannt – wie ein Jäger auf der Pirsch – gefolgt war, bemerkt: „Ja, die sind glücklich, diese beiden Lieblinge der Götter. Die entgehen uns nicht, Kinder! Sie fliegen wie wir nach London und wenn ich sie für mein Projekt begeistern kann, so, wie es mir mit euch gelang, dann habe ich den Stoff für meinen Mehrteiler endlich zusammen.“ Er nickt zufrieden und in seinen Gedanken entwickelt sich eine erste Begegnung. „Nicht doch“, unterbricht Sophie seine Gedanken, „so alt wie die in der griechischen Mythologie sind die beiden noch lange nicht.“

„Gut beobachtet“, bestätigt Edgar, „aber sie haben eine gemeinsame Geschichte und die interessiert mich. Die muss ich erfahren.“ Daniel tippt seiner Freundin auf die Nase: „So alt sind sie wirklich nicht, aber sicher so glücklich wie die beiden Lieblinge der Götter, wie du schon bemerktest.“ Keine Widerrede duldend fordert Sophie: „Daniel, so glücklich musst auch du mich machen!“ Natürlich liebste Sophie, werde ich dich glücklich machen und wenn es sein muss, genau wie diese da.“ Sie lächelt dankbar zu ihm auf, während er, ganz Dozent, fortfährt: „Viel Leid, auf seinen Bahnen muss der Mensch ertragen, um glückhaft einen Augenblick zu nennen.“ „Du sollst nicht Leid mir, die Liebe sollst du mir bringen“, zahlt sie mit gleicher Münze zurück. Er gibt sich nicht geschlagen. Schließlich ist er der Lehrer: „Es ist ein Brunnen tief, den es auszuschöpfen gilt! Auf seinem Grund die Liebe liegt, die tiefer als der tiefste Brunnen ist“.

„Hört endlich auf zu spinnen: Brunnen tief die Liebe ist. Die Grube allein, die uns am Ende alle erwartet, ist tief, nichts sonst“, unterbricht Edgar das Zwiegespräch und fordert sie auf, „kommt, die sehen wir uns etwas näher an.“ „Echt unromantisch“, flüsterte Sophie, auf den Zehenspitzen trippelnd, ihrem Doktor ins Ohr. „Wie kann man da sein Geld mit Drehbuch schreiben verdienen?“ „Der verdient mehr mit seiner unromantischen Art, wie du zu bemerken pflegst, als ich, der ich mich mit solchen Studentinnen und Studenten herumschlagen muss, die immerfort glücklich sein wollen.“ „Ja, ja,“ auch diesen Dialog hat der Geldmacher verfolgt, „so ist das. Geld muss man verdienen, aber das musst du erst am eigenen Leib erfahren, wenn dein Vater keinen Scheck mehr schickt.“ Was für ein profaner Gedankengang. Sophie rümpft enttäuscht ihre süße Stupsnase, die Daniel so gern küsst und der tröstet seine Studentin gleich mit der erwarteten Liebkosung. Dankbar schmiegt sich diese an ihn: „Um ein Bild zu zeichnen: Edgar, nach deinen Worten gleicht die Liebe eher einem alten Mann, der über jede Bordsteinkante stolpert, als einem Hirsch, der förmlich die Weiten überspringt.“ „Männer, Männer wie seid ihr unromantisch. Der Mann mit seiner Dame ist sicher voll süß.“ Die so Gescholtenen lachen herzlich.

All dies nicht ahnend haben Kristina und Michael indessen alle Formalitäten erledigt und gehen in den Transitraum weiter. Hier nimmt Kristina in einem bequemen Sessel Platz und Michael entfernt sich, um zwei Tassen Kaffee zu holen. Edgar mit Anhang Sophie und Daniel sind den Liebenden gefolgt und treten nun zu ihnen. Der Geschichtenjäger zieht seinen Hut, deutet eine Verbeugung an und stellt sich vor: „Gestatten Sie: Edgar Mortau, Geschichtenjäger und Drehbuchautor“. „Kristina Stübner“, erwidert die Angesprochene mit fragendem Blick und leichtem Spott in ihren Augen. ‚An wen erinnert der mich nur?‘, fragt sie sich. ‚Ist er eher Hemingway oder Egon Erwin Kisch?‘

Edgar hatte den feinen Spott nicht überhört. „Entschuldigen Sie bitte, missfiel Ihnen meine Vorstellung?“, fragt er unsicher. „Ach nein, ich fand Sie sehr formvollendet und freue mich schon jetzt, Sie kennenzulernen. Nun ja, aber bitte nehmen Sie es mir nicht übel: Ich dachte, wenn der jetzt noch die Hacken zusammenknallt, fällst du aus dem Sessel.“ Sophie prustet los und erntet von Edgar und Daniel ein tadelndes „Aber, aber.“ In groben Umrissen beginnt Edgar nun, sein Anliegen vorzutragen. Als Michael mit seinem dampfenden und wohlriechenden Kaffee zurückkommt, findet er drei Personen um seinen Tisch sitzend und mit seiner Jugendliebe in ein Gespräch vertieft. Neben Kristina hat ein vierschrötiger Mann, anscheinend mit einer Erklärung beschäftigt, Platz genommen.

Eine junge Frau, auffallend hübsch mit schulterlangem Haar und verpackt in teure Markenkleidung, lauscht aufmerksam und hält dabei einen vielleicht doppelt so alten, aber sportlichen Mann an der Hand. Sie nicken ab und an, als bestätigen sie die wortreichen Erklärungen des Dritten, die immer wieder von weitausholenden Handbewegungen untermalt werden. ‚O Gott‘, denkt Michael. Er bleibt etwas abseits stehen, um die Szene beobachten zu können. Dabei ist ihm an der Stirn abzulesen, dass er um seine Zweisamkeit fürchtet. Er sollte Recht behalten. Vorerst aber denkt er, den Reporter betrachtend: ‚Der ist wohl etwas aus der Zeit gefallen. Mit diesem Hut erinnert er mich an den rasenden Reporter, den Prager Egon Erwin Kisch, oder an Hemingway, aber der ging ja wohl immer mit seinem Jagdgewehr umher! Wobei, er sieht aus wie ein amerikanischer Schriftsteller. Fehlt nur die lässige Zigarette. Hier ist ja Gott sei Dank Rauchverbot.‘

„Das ist Edgar Mortau“, ruft Kristina, die seine zögerliche Haltung bemerkt hat. „Seine Begleiter sind Sophie und Daniel, eine Studentin mit ihrem Dozenten.“ Sie winkt ihn heran. Schnell erklärt sie: „Herr Mortau ist ein Journalist und Drehbuchautor aus Amerika.“ Zögerlich tritt Michael näher. Er wundert sich etwas über die Begeisterung seiner Gefährtin. „Stell dir vor, er reist um die Welt und sucht Geschichten über die Liebe. Ein glückliches Pärchen, Sophie und Daniel, hat er schon gefunden.“ ‚Da hat er sicher nicht lange suchen müssen: blutjunge Studentin, sicher aus reichem Haus mit ihrem notenaufbessernden Dozenten‘, macht sich Michael, der Spötter, sein Bild. Kristina, die ahnt, was er denkt und verhindern will, dass ihr Michael seine Gedanken aus-spricht, erklärt schnell: „Herr Mortau will eine Serie über die Gesichter der Liebe drehen.“ „Ach, und jetzt zieht er durch den Osten und trifft ausgerechnet auf uns. Denn ohne Zweifel erwecken auch wir sein Interesse und er wittert, wie ein Dackel das Wild, unsere Geschichte. Er hat weiß Gott eine gute Spürnase, dieser Ernest Hemingway, der Großwildjäger.“

„Mit dem Hemingway haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen“, Edgar lächelt gewinnend, „da haben Sie Recht, mit der Nase und dem Spuraufnehmen. Ja, es steckt nicht wenig Wahrheit in Ihrer Bemerkung.“ Er macht, ohne sich aus dem Sessel zu erheben, eine angedeutete Verbeugung: „Übrigens, meine Freunde nennen mich Edgar. „Übrigens, meine Freundin Kristina und ab jetzt auch Sie, nennt mich Michael“, erwidert Michael und nickt in die Runde. Die Bekanntschaft ist geschlossen. „Ich fühle mich diesem Typen in einer Art Wesensverwandtschaft vereint“, kommt Edgar auf Hemingway zurück, „er Trophäenjäger ich Geschichtenjäger. Und was mein Schreiben und meine innere Unruhe betrifft, eifere ich dem rasenden Reporter Egon Erwin Kisch gern nach.“ Kristina, ihr gefällt sichtlich der Wortwechsel, erklärt lachend: „Aber bitte vergesst nicht, E.E.K. starb 1948 und E.H. 1961. Da liegen einige Entwicklungen dazwischen. Die sind sozusagen schon einige Jahre im Himmel, wenn es den für Journalisten und Dichter überhaupt gibt.“ „Ja, so war sie schon immer: genau, präzise und unheimlich klug.“ Michael, selbst Dichter und Schreiber, freut sich über diese Erklärung seiner ehemaligen Klassenkameradin. Als Dank stellt er ihr eine der Tassen mit dem nun schon weniger heißen Kaffee an ihren Platz, während seine Augen eine weitere Erklärung suchen.

Jetzt erhebt sich Edgar und erklärt stehend: „Mein journalistischer Instinkt führt mich zu Ihnen. Sie sind mir und meinen deutschen Freunden bereits beim Betreten der Abflughalle aufgefallen. Weshalb wir nun jetzt bei Ihnen sitzen.“ Sophie drängt sich nach vorn: „Sie beide machen einen voll süßen Eindruck. Vermutlich stehen Sie unter dem Schutz der Venus“, brilliert sie mit ihrem Wissen. „Ach ja, weil uns die Liebe, die diese Dame verkörpert, förmlich aus den Augen strahlt“, entgegnet lächelnd Michael, der starke Bilder liebt, recht flapsig. Sophie, sich freuend über dieses quasi Lob, erwidert: „Ja, genau oder vielmehr wegen der Geschichte, die sich hinter Ihrem Strahlen verbirgt.“

„Aber bitte, meinen Kaffee darf ich schon abstellen?“, erkundigt sich Michael, dessen Tasse kaum noch eine Wärmewolke abgibt. „Natürlich, bitte, bitte. Wir wollen Sie nicht bedrängen. Setzen Sie sich doch auch.“ Michael tut dies und murmelt: „Menschen und ihre Geschichten. Ja, das ist eine schöne Aufgabe, die Sie sich da gestellt haben. Obwohl, so selten ist sie nicht.“ „Da haben Sie Recht, selten ist dies nicht, dennoch selten von so offensichtlicher Tiefe, wie in Ihrem Fall. Da irre ich mich nicht.“ Michael winkt ab: „Wenn Sie mit Tiefe eine gewisse Anzahl von gemeinsam verbrachten Jahren meinen, muss ich Sie enttäuschen. Wir wollen erst heiraten. Im Übrigen“, jetzt geht er auf Distanz, „soll Kristina entscheiden“, er nimmt ihre Hand und streichelte sie zärtlich, „ob und was wir von unserer Geschichte preisgeben.“

„Es ist gerade dieser Umstand, der mich neugierig sein lässt und der Ihre Geschichte noch interessanter macht.“

L’ora blu - Die Blaue Stunde .....................................................

CASA S. BRIGIDA – DAS KLOSTER S. BRIGIDA

Die Sterne des Frühlingshimmels drängten sich mit sanftem Strahlen über dem Kloster. Ihr Licht löste zwei Körper in eng umschlungener Haltung aus dem Dunkel der Nacht.

Marie-Charlott war gekommen, um ihren Sängerknaben zu treffen. Sie trat wortlos in das Seminar, zog ihn von seinem Stuhl und verließ mit ihm an der Hand den Probenraum. Das hatte es wohl so, hier in diesem ehrwürdigen Gemäuer, noch nie gegeben.

Und während drinnen ein regelrechter Tumult aus-brach, lagen sie sich in den Armen und küssten einander, als wollten sie sich nie wieder loslassen. Wie zwei Kinder, die zum Spiel auf die Wiese stürmen, drängten sie sich in die Enge der Klosterzelle und die Welt, soweit sie auch war, ward ihnen zu eng. Erst, als vor ihrem Fenster die Nacht heraufgezogen war, die Sterne auftauchten und ihre Sphärenmusik erklingen ließen, hielten sie erschöpft inne und Marie-Charlott wusste, was Ovid in seiner Ars amatoria geschrieben hatte. Mario hatte ihn nicht nur gelesen, sondern er praktizierte ihn meisterhaft. Engumschlungen liebten sie einander und hatten nichts dagegen, dass die wandernden Sterne, einer nach dem anderen, in die Zelle schienen, um ihre Körper zu verzauberten. Sollten sie doch teilhaben an diesem Glück, an der Zeit für Liebe, für Zärtlichkeit und Berüh-rung, die sich mit der Sanftheit des Himmels mischte.

Viel später, die wohltuende Mattigkeit der Liebe wiegte sie in ihren Armen, flüsterte ihm Marie-Charlott ins Ohr: „Mario, die Blaue Stunde, unsere Stunde, naht“.

Sie wartete nicht auf ihn, sondern schlug die leichte Decke zurück und erhob sich. Nackt, einer Venus gleich, stand sie marmorschimmernd im Licht der Sterne.

Glück ist ein Wort, dachte er, aber mit keinem noch so beschreibenden Wort würde sich je ausdrücken lassen, was wir beide im Moment durchleben. Die Liebe in ihrer Unerklärbarkeit, ist wahrlich die Macht, die die Götter den Menschen neidend macht. So sinnierte er bei ihrem Anblick und betrachtete sie, die mit einer anmutigen Bewegung ihres Kopfes das lange blonde Haar über die Schultern fließen ließ. Er musste unwillkürlich an ein stolzes Pferd denken, das in der ersten Morgensonne die vergehende Nacht aus seinem Fell schüttelt.

Sie verharrte noch für einen Moment am weit geöffneten Fenster, sah hinaus und ging dann mit schnellen, wiegenden Schritten zu ihm zurück. Kaum eine Hand-breite trennte die beiden, da schob sie abermals ihre schmalen Hände unter das schimmernde Haar und ließ es erneut fließend durch die Finger gleiten, wobei einige Strähnen seine Brust berührten. Sanft wallte es um ihren schönen Hals. Seine Spannung stieg, während er fühlte, wie gut sie den römischen Dichter doch kennt. Da drängte sie ihn schon auf einen harten Holzstuhl, beugte sich über ihn, dabei ihre schlanken Beine zwischen die seinen schiebend, so dass ihr Haar auf seine behaarte Brust fiel und im Rhythmus ihrer Bewegung seine Warzen umspielte. Da flüsterte er, mit vor Erregung zitternder Stimme: „Marie-Charlott, du könntest mir im Augenblick mit glühender Zange Fleisch aus meinem Körper reißen, ich würde vor Wollust stöhnen“. „Dann lass mich beginnen“, und ihre lackierten Fingerspitzen, jetzt zu einer Kralle geformt, kreisten über seinen Körper. Heiß, einem unbändigen glutflüssigen Lavastrom gleich, strömte sein Blut durch die Adern, trug alle Er-schöpfung mit sich fort. Ihre Seelen lagen auf ihren Zungen und verschmolzen. Ja, Seelen können sich vereinen und lassen Liebende bis in den tiefsten Grund erbeben. Das ist der Augenblick der wahren Liebe. Hier ist sie fernab von mechanischer Erfüllung, von trieb-hafter Zerstörung und Manie.

„Warum nur dürfen Männer im Angesicht eines solchen Glückes nicht weinen?“, fragte sich Mario.

Sie hatte seine Wanderung bemerkt. „Wo warst du“, wollte sie wissen. „Ich war bei dir und möchte es sehr gern für immer bleiben.“ „Komm küss mit deinen Händen meinen Körper und lass sie sich dabei vom Wind der Nacht begleiten.“ Er tat, wie ihm geheißen, ihr dabei fest in die Augen sehend, welche, die Unendlichkeit wider-spiegelnd, feucht und dunkel glänzten. Eine elektrische Spannung entstand, unter deren Einwirkung Marie-Charlott schnurrte wie eine Katze. Für den Bruchteil einer Sekunde hörte er, in ihr Gedicht „Nachtgefühl“, und begriff, was sie miteinander verband: die Liebe zur Musik und das Gleichmaß der Verse.

Während seine Hände, gemeinsam mit der linden Nachtluft wanderten, streckte sie ihm ihren Körper wohlig entgegen und der Schein des Mondes küsste ihre Lippen. War es der listige Zeus, der sie verführen wollte? Vielleicht. War da Eifersucht? Nie. Erfuhr er doch in dieser Nacht, wie sehr er geliebt wurde. So blieb dem Gott der Neid.

Die Liebenden fühlten die Vereinigung ihrer Seelen, diesmal zwischen den Hautflächen ihrer Körper. Schwerelos schwebten sie, wie die Libellen, im sanften Wind des Elysiums. Es war ein Reigen an der Schwelle zur Unendlichkeit. Und doch war diese dem Menschen nicht zugänglich.

Irgendwann lagen sie ermattet in inniger Umarmung, als wüssten sie nicht, dass Zeit nicht stehen bleiben kann.

„Mario“, flüsterte sie, dabei drängte sie ihre Zungen-spitze in sein Ohr, „Spürst du die Seelen, wie sie sich in den Armen liegen. Sie haben uns gesucht. Die Eine ist dem hellen Tage gleich und die Andere gleicht der sternenvollen Nacht. Woher wusstest du eigentlich, dass Tag und Nacht sich einen können.“

„Marie-Charlott, ich wusste es seit jener Stunde, in der ich dich zur Bahn brachte. In diesen Minuten er-fuhr ich mehr über das Leben und die Liebe, als in all meinen Jahren vorher.“ „Ja, die Minuten an der Bahn“, flüsterte sie und biss ihm mit spitzen Zähnen in seine Ohrmuschel. „Ein paar Tage später hielt ich dann dein Gedicht in den Händen. Da wusste ich, wie es um uns stand.“

Erneut verstärkte sich die Spannung in ihren Körpern.

Die Seelen nahmen beide bei den Händen, begannen ihren Tanz und verloren aufs Neue die Stunden.

Später erhoben sie sich vom Liebeslager, das sie mit den Seelen geteilt hatten, hüllten sich in eine Decke, wie in eine gemeinsame Haut und traten, einander an den Händen haltend, hinaus in die Nacht.

Staunend genossen sie die atemberaubende, unendliche Schönheit, die ausgebreitete vor ihnen lag. L`ora blu, die Blaue Stunde, ihre Stunde, zog herauf. Die Stunde, die sie zusammengebracht hatte, noch ehe sie geboren waren.

Wie Kinder, die einander innig zugetan sind, standen sie, die Köpfe aneinandergelegt und lauschten hinaus in die Weite der Welt. Für einige Augenblicke blieben sie Kinder, die ohne Schuld sind und frei von Sorgen und Nöten. Und waren doch die junge Frau und der reife Mann.

Marie-Charlott unterbrach das andächtige Schweigen und flüsterte: „Da können wir aber froh sein, dass unsere Seelen zur Gänze ermattet sind. Am Ende hätten wir noch unsere Stunde im Taumel der Sinne verpasst.“

Der Zauber sprang entzwei. Sie waren dem Leben wiedergegeben.

„Seit heute Nacht weiß ich um die Magie dieser Stunde.“ Die Sehnsucht, sie in deinen Armen zu erleben, wecktest du durch das Gedicht von „Den Seelen, die die Liebe tragen“. Diese Zeit gemeinsam mit dir zu erleben, ist in Erfüllung gegangen. Ich danke dir dafür, mio caro, mein lieber Mario.“

„Sie gehört ab heute uns, ist unsere Stunde“, flüsterte er und gestand, „Ich wollte sie schon so oft mit dir verbringen.“ Er zog die Geliebte fest an sich heran, als wolle er sie für immer halten und als wolle er die Stunde des herannahenden Abschieds vergessen machen und zitierte deshalb aus einem ihrer Gedichte: „Tausend Sterne leuchten dem göttlichen Sinngefüge, der glühend zarten Goldhaut.“

„Hättest du dieses Gedicht nicht geschrieben, wir wären nie zusammengekommen. Denn deine Zeilen waren es, die mich anfeuerten, ein Gedicht über die Vereinigung von Tag und Nacht zu schreiben. Nachdem ich deine Worte gelesen hatte, war aus meiner Verehrung für dich Liebe gewachsen. Du hast mir neues Leben eingehaucht und dafür danke ich dir, mia cara, meine liebe Marie-Charlott.“

Lange standen sie dann noch eng umschlungen, als wollten sie sich nie mehr loslassen, die Zeit zum Halt zwingend und wussten doch, dass dies unmöglich war.

Unbarmherzig verfloss ihre Stunde und wandelte sich ins erste Grau des neuen Tages. Helles Strahlen am östlichen Firmament ließ den Triumph der Sonne erahnen.

Sie liefen zurück ins Bett, flohen vor der Kühle des neuen Tages, die, den Abschied vorwegnehmend, ein Frösteln über ihre Rücken gleiten ließ. Drei Stunden verblieben ihnen noch, waren ihre Seelen vereint und tanzten noch einmal, im sanften Wind des Elysiums.

Noch einmal ein gemeinsames Frühstück.

Hand in Hand liefen sie in den Cellerar, wählten einen einsamen Tisch und genossen ihr gemeinsames Erlebnis. Mancher sah mit tadelndem Blick zu ihnen herüber, mancher tuschelte und mancher blickte spöttisch. Auch gab es einige, die voller Verständnis waren für die Liebenden. Konnte die beiden, nach diesen Stunden etwas stören, außer dem nahenden Abschied? Sie waren gefeit gegen die Anfeindungen der Welt. Später im Unterricht hockten sie gemeinsam wie zwei Kinder in der Schulbank. „Erinnerst du dich noch an die Stunde, in der du den Chor übergeben hast“, fragte er sie. „Ja, ja, ich setzte mich an deine Seite und sang mit dir aus deinem Notenbuch. Und dabei spürte ich deine Aufregung, die dich in diesem Moment erfasste.“ „Ich sang und wünschte, die Zeit möge innehalten.“ „Ich spürte, wie sich unsere Stimmen einten und hätte doch am liebsten meine Zähne in deine süßen Ohren geschlagen. Dieser Gedanke erregte mich so, dass ich den Platz wechseln musste.“

Neben ihrer Liebe hatte Marius noch die Aufgabe, einen Studiochor zu dirigieren. Er schlug sich blendend und seine Nacht mit Marie-Charlott hatte das Ihrige dazu beigetragen, so war er bestens vorbereitet und bestand mit Bravour vor der gestrengen Jury.

Tagebuch eines Abschieds ......................................................

12. NOVEMBER 2017

Der Psychologe

Das Problem? Seine Mutter fragte ununterbrochen, was sie denn beim Arzt solle, ihr fehle ja nichts! Eine kreative Antwort musste gefunden werden und er fand sie: „Nicht du sollst zum Doktor“, erklärte er mit ganzer Überzeugung. „Du sollst mich begleiten und mir zur Seite stehen.“ Es gelang: Der Instinkt der Mutter, ihrem Sohn zur Seite stehen zu müssen, siegte.

Pünktlich nahmen sie im Wartezimmer Platz. Sie waren die Einzigen und würden sicher gleich aufgerufen werden. Doch die Zeit verging. Langsam rückte der Zeiger der großen Uhr im Wartezimmer vor und nichts geschah. Nichts? Er hatte zu tun, die Unruhe seiner Mutter zu überbrücken. Wie ihm das gelang? Während sie drängte zu gehen, versuchte er alle zwei Minuten, sie daran zu erinnern, wie wichtig und notwendig ihm ihre Hilfe sei. Manchmal fragte er sich: „Wie kann man in einer Arztpra-xis so ohne Verständnis für die Situation einer dementen Patientin von 90 Jahren sein? Endlich, 50 Minuten nach der vereinbarten Zeit, kam die Sprechstundenhilfe aus der Anmeldung und wollte die Aufnahmeformalitäten erledigen.

„So, da wollen wir einmal Ihre Daten aufnehmen“, sie legte Block und Stift zurecht und wollte beginnen. Seine Mutter fiel ihr sofort ins Wort, indem sie angab, sie wolle nicht zum Doktor und im Übrigen werde sie sofort gehen. Mit Zeichensprache und Blicken lenkte ihr Sohn die Aufmerksamkeit der Sprechstundenhilfe auf sich und bedeutete ihr, die Fragen an ihn zu richten. Sie begriff und die Anmeldung konnte vonstattengehen. Zu dieser Anmeldung gehörte auch der Test “ Zeichnen Sie bitte die Uhrzeit 10 Minuten vor 10.00 Uhr auf diese Blatt.“ Ein probates Mittel, um eine bestimmten Grad der Demenz festzustellen. In der Regel können das die Patienten nicht. Seine Mutter hätte es auch nicht gekonnt, was sie aber noch immer handhabte, war der Blick auf ihre Uhr und die folgende korrekte Zeitangabe. „Sie wird diese Zeichnung nicht anfertigen, aber fragen sie doch einfach nach der Uhrzeit, das wird sie ihnen exakt be-antworten. Sag mal Mama, wie spät ist es eigentlich.“ Sie schaute auf ihre Armbanduhr und sagte, zur völligen Verblüffung der Sprechstundenhilfe, prompt: „Es ist 10 Minuten nach 10.00 Uhr.“ „Danke“, sagte er lächelnd, wendete sich der Schwester zu und meinte: „Haben sie noch weitere Fragen?“ Hatte sie nicht, aber das Warten auf den Arzt war noch nicht beendet, so dass er sich einen Zeitraum vorgab, den zu warten er noch bereit war. Dann würde er gehen.

Eine Minute vor Ablauf der selbstgestellten Zeit erfolg-te ihr Aufruf. Begrüßung mit Handschlag. Platz nehmen. „Nun Frau Paul, was fehlt Ihnen denn?“ Seine Mutter voller Überzeugung: „Mir fehlt nichts! Ich brauche keinen Doktor!“ ‚Das war ein Auftakt‘, dachte er. Da hat die Schwester ihrem Chef nicht erklärt, wer da im Warte-zimmer sitzt. Also ein erneuter Anlauf, die Situation zu erklären. „Sprechen Sie mit mir, als sei ich der Patient, dann wird sich alles klären.“ Erstaunen beim Gegenüber, etwas holpern und dann klappte es. „Ich werde mir Ihre Frau Mutter in den nächsten Tagen in ihrer Umgebung ansehen und danach eine Medikation vornehmen.“

Er nickte und dann sagte er: „Wissen Sie, Herr Doktor, eigentlich bräuchte auch ich eine Sitzung auf der Couch.“ Wieder Erstaunen, fragende Blicke. „Nun ja, anfangs dachte ich, die Mutter im Heim sei mein Geschick, ähnlich wie Sisyphos, der seinen Stein den Berg hinauf-trägt, aber jetzt denke ich oft, ich sei eher Judas, der Verräter!“ „Wer Judas?“, fragte der Doktor erstaunt, „und wieso Verrat?“ Ein Psychiater, der den Judas aus der Bibel nicht kannte, der keine Verbindung herstellen konnte zwischen dieser Bibelstelle und dem Gefühl seines Gegenübers.

In diesem Moment war er überzeugt, vor dem falschen Arzt zu sitzen. Lag es doch auf der Hand, dass hier ein Sohn seine Mutter auslieferte, obwohl, und das war sein Verrat, er seiner Mutter immer wieder versprochen hatte: Du musst nicht in ein Heim, ich werde dich ver-sorgen bis zu deinem letzten Atemzug. Und das war die Konsequenz aller Lügen, Jesus starb verraten am Kreuz und seine Mutter zog, trotz aller Versprechen, in ein Heim ein. Brauchte er da nicht selbst einen Helfer aus der Not seiner Seele? Warum verstand ihn dieser Mann nicht? Und viel schlimmer noch: Wenn er schon nicht verstanden wurde, wie konnte er davon ausgehen, dass dieser Mann seiner Mutter würde helfen können. Dessen Rat lautete dann auch: „Lösen Sie sich von Ihrer Mutter und gehen Sie auch nicht jeden Tag zu ihr in das Heim!“ Er bedankte sich, nahm seine Mutter und verließ den Wunderheiler wohl wissend, dass er dessen Rat nicht befolgen würde. Er lachte und dachte: Da hätte er auch dem Sisyphos empfehlen können, seinen Stein liegen zu lassen.

Etwas schöneres als dieses freudige Lächeln ihrer Mutter und dieses Ausrufen: „Das ist aber schön! Ich dachte schon, ihr hättet mich vergessen“ gab es nicht. Spazieren gehen, Kaffee trinken und Eis essen. Gespräche über alte Zeiten. Sie fragte immer nach ihrem Hund und suchte ihn im Zimmer und im Vorraum. Schlimm waren die Verabschiedungen. Immer verbunden mit Lügen, wie: „Mama, ich hole dich morgen früh, gleich nach dem Frühstück.“ „Kommst du auch wirklich?“ Immer diese bange Frage: „Bringst du mich nach Hause, zu dir?“ Und gleich darauf: „Lass mich nicht allein! Bitte!“

Und dann seine erbärmliche Lüge, die immer wieder einen Brechreiz hervorrief und doch mit einem tröstenden Lächeln vorgetragen werden musste: „Du bleibst nicht allein, ich gehe nur etwas zum Abendessen holen und bin dann gleich zurück.“ Da stand sie immer im Zimmer und sah ihm nach, winkt ihm zum Abschied, wenn er ging. War sie dankbar für diese Lüge? Die Tür fiel ins Schloss. Seine Mutter bleibt allein zurück und auf seinem Weg zu seiner Frau sagte er sich plötzlich: „Sie hat mich nie zurückgelassen, war immer an meiner Seite. Und mein Dank: Lügen.“ Aber wie immer forderten Lügen, sie brachten Weltreiche ins Wanken, ihren Preis. Und sein Preis, den er zahlen würde, darüber wurde er sich klar, war: Dieses Lügen würde Jahre seines Lebens kosten. Das war der Preis für seinen Verrat! Ja, er trug seinen Stein die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf, aber die Freude in seinem Herzen, die er im Gesicht des Sisyphos gesehen hatte, wollte sich bei ihm nicht länger einstellen. Erstmals nistete sich ein Gedanke, der einer furchtbaren Logik entsprang, in seinem Hirn ein.

Das Geheimnis der Grotte .......................................................

STAUB IM WIND

Wie Staub davongetragen wird, so gingen die Jahre ins Land. Den Kaisern der Ottonen folgten 1024 die Kaiser der Salier und dann kamen die Staufer Kaiser und mit ihnen Friedrich I. Barbarossa ab 1152.

Die Kinder und Kindeskinder des tapferen Gero von Harzhorn wurden dessen Nachfolger, in der Herrschaft über die Burgwartschaft am Born. Später folgten die Herren von der Jahne. Sie geboten bereits über eine frühstädtische Anlage unter dem Schutz der Burg an der Wyhra. Darauf folgte im Lehen Albert vom Born. Sein Stammvater war das Siedlerkindes Josua, welches vor 200 Jahren die Klosterschule Drübeck besuchte und schnell zum Schreiber des Burggrafen aufstieg. Jetzt waren seine Nachkommen im Adelsstand und die ehe-malige Siedlung Heinrichs I. wuchs zur Stadt heran.

Wie die jährlichen Hochwasser der Wyhra kamen und gingen Generationen. Liebten, kämpften, gewannen und verloren, wie all die Könige und Kaiser, die über Land und Leute herrschten.

Die Grotte lag im Verborgenen, hütete ihr Geheimnis, wie die Kräuterfrauen, die darum wussten. Slawen und Siedler lebten noch immer getrennt. Obwohl weitab in den Tiefen des Waldes manche Hütte stand, in der das Kreuz friedlich im heiligen Winkel hing. Hier wurde bereits vollzogen, was im Land noch zu erfüllen galt. Gemieden lebten sie mit ihren Nachkommen, die kein Priester segnete oder taufte. Die Kinder blieben Heiden, auf beiden Seiten.

Noch immer zogen die Slawen zu ihrem Götterplatz auf dem Rossenberg und die Siedler hörten andächtig von der Liebe Gottes, die sie den Abtrünnigen verweigerten. Sie liefen am Sonntag in ihre Kirche aus Stein, hörten die Predigt und fühlten nicht den Schlag ihrer Herzen, die aus Stein waren, wie die Mauern ihrer Johanniskirche.

Seit einigen Jahren gab es an einem künstlich angelegten Graben, der das Wasser der Wyhra von Czedelitz heran-führte, um in der oberen Siedlung eine Mühle zu betreiben. König Konrad III. (1138-1152) ließ sie erbauen und stattete sie mit dem Privileg aus, alle anfallenden Ge-treideerträge der Bauern aus der Umgebung mahlen zu dürfen. Diese Anordnung bezog sich auch – und das war neu – auf die Sorben.

Der Pächter dieser Mühle hieß Sebastian Körner und stammte aus der unteren Siedlung. Seine Eltern betrieben ein schwunghaftes Geschäft. Sie waren Bauern, Schank-wirte und Fuhrleute. Mit großen, kräftigen Ochsen und Pferden leisteten sie Vorspanndienste, wenn es galt, die Auffahrt zur Via Imperii zu überwinden. Auch der Hof, nebst Acker von Wigger und Hiltigard, die den Wald urbar gemacht hatten, gehörte seit hundert Jahren zu ihrer Scholle. So gab es zwei Stationen am Anstieg und reiche Erträge in ihrer Familie. Dieser Reichtum gestattet es ihnen, dem Sohn Sebastian die Pacht an der Mühle zu zahlen.

Wieder lag Segen über diesem Beginn und schon bald nach der Hochzeit mit einer reichen Bauerntochter erscholl viermal Säuglingsgeschrei aus der Kammer der Müllerin. Und eine Zeit später halfen zwei kräftige Jungen in Haus und Hof und zwei Mädchen gingen ihrer Mutter zur Seite. Doch eines Tages rollte ein mit Ge-treidesäcken vollbeladener Wagen, eines sorbischen Gehöftes auf den Hof der Mühle.

Caspar, der Älteste des Müllers, trat aus der Getreide-kammer und ging dem Bauern entgegen. Da erhob sich aus der Ladung, ein schwarzer Haarschopf voller Ge-treidespelzen, dann ein jungfräulicher Mädchenkörper, der behänd auf das Hofpflaster sprang. Mit hellen, leuchtenden Augen der Jugend verzauberte sie den ver-datterten Müllersohn, der auch sogleich vergaß, dass er eigentlich dem Bauern die Säcke abnehmen sollte.

 

Sein Vater herrschte ihn an, sich nicht behexen zu lassen von der Götzenanbeterin und deren Vater zahlte mit gleicher Münze zurück. Die Männer klopften sich versöhnlich auf die Schultern und die Knechte begannen den Wagen zu entladen. Kurze Zeit später rollte der Wagen und mit ihm die schwarzhaarige Schönheit vom Hof. Caspar kletterte bis unter das Dach, um dem Gefährt noch lange nachsehen zu können. Der Müller rief unge-duldig nach seinem Sohn und erzählte dabei seiner Frau von der Begegnung mit der Sorbin. „Das schlage dir ja aus dem Kopf, ein Müllersohn und eine Heidentochter“, warnten sie ihn. Beide würden sie auf ewig in der Hölle schmoren. Ein kräftiger Backenstreich beendete ihren Ratschlag. Seine Wange schwoll an, als er zurücklief in die Getreidekammer, aber so sehr es auch schmerzte, vor seinen Augen sah er die Bauerntochter und sein Herz klopfte, als wolle es die Enge der Brust sprengen.

Auf dem Hof in Czedelitz geschah ähnliches: „Willst du unsere Götter verraten, um mit diesen Christen zusammenleben zu können? Wenn du das willst, dann geh doch einmal tief in das Fürstenholz hinein. Dort findest du einen Hof, auf dem nur Heiden leben. Eine Verwandte von uns zog einst fort mit einem Christen und nun leben sie fern aller Ordnung fast wie verfemte und ihre Kinder sind Heiden und werden es auf ewig bleiben.“ Auch Mira fühlte ihr Herz klopfen. Es schlug, das wusste sie seit heute, nur für den Sohn des Müllers. Wenn sein Herz ebenso für sie schlüge, wie das ihre für ihn, musste es eine gemeinsame Zukunft für sie beide geben.

Zum nächsten Markttag trafen sie sich wieder. Er hatte einige Besorgungen beim Schmied Mathes zu erledigt und danach wollte er den Gemüsestand der Ostara, Miras Mutter, aufsuchen. Dabei beflügelte ihn der Gedanke, Mira vielleicht treffen zu können, so sehr, dass ihn seine Füße wie von selbst zu ihr führten. Und wirklich: da stand sie mit ihrer Mutter und verkaufte Kräuter und Gartenfrüchte. Für einige Augenblicke entfernte sich Miras Mutter, um mit der Nachbarin ein Gespräch zu beginnen. Da trat Caspar heran. Verlegen ließ er seine freie Hand über Möhren und Kohl gleiten, lobte die Heil-kräfte der Waldkräuter, die Heilkunst der Kräuterfrauen überhaupt, weil diese doch schon so viele Menschen vor dem Tod gerettet hätten.

Sein Redefluss stockte erst, als seine Finger sich mit den ihren trafen. Die Zeit stand für die beiden still und sie wünschten sich, dass es so bliebe. Aber die Zeit steht nicht still und so stand die Mutter plötzlich hinter ihrer Tochter. Die Finger glitten auseinander. Verlegen bargen sie sie auf dem Rücken. Noch schneller wendete sich Caspar ab und ging davon, in seinem Rücken die laut vorgetragenen Vorwürfe Ostaras. Doch so laut diese auch schimpfte und ihr Tochter an den langen Zöpfen riss, diesen Moment der Berührung, den vermochte kein Zetern und Zerren ungeschehen zu machen. Götter verlieren im Angesicht die Liebe ihre Macht. Wieso überhaupt ihre Macht? Die wird nur von Menschen gepredigt, missbraucht in ihrem eigenen Namen. Die Liebe hingegen ist das wahre Wort Gottes, denn sie selber ist Gott. Und Mira und Caspar fühlten, dass sie zusammen-gehörten und kein von Menschen gepredigter Gott oder Swandewitt sie jemals würde trennen können.

 

Am nächsten Sonntag nahm Mira ihren Korb, um, wie sie ihrer Mutter sagte, Kräuter zu sammeln und verließ das Dorf in Richtung Mühle. So näherte sie sich mehr und mehr der Stelle, an der sie reichlich Bilsenkraut finden würde. Hier, an der geheimnisvollen Grotte, hoffte sie, wie es oft am Sonntag geschah, ihm zu begegnen. Ihr Wunsch ging in Erfüllung. Auch Caspar hatte sich nach dem Gottesdienst aufgemacht, sie zu suchen und bald darauf saßen sie vor dem von rankenden Gewächsen, Büschen und Bäumen verdeckten Ort. Bitter beklagten sie einander ihr Schicksal. Und doch: im Schatten der Grotte empfanden sie Trost und Zuversicht. Weit trat da Miras Schmerz, eines Tages einen ungeliebten Mann heiraten zu müssen, zurück, denn ihr Zusammensein ließ alle Bedenken davonziehen wie die Wolken am Himmel.

Der Wind trug Stunden und Tage in die Unendlichkeit. Wieder einmal hatten Maria und Caspar ein heimliches Treffen. Wieder suchten sie einen Weg, der sie in eine gemeinsame Zukunft führen könnte. Sie wägten das Für und Wider ab, wenn sie, wie schon einige vor ihnen, in den Wald zögen, um gemeinsam leben zu können. Oder wenn sie, einfach die Heimat verlassend, in den Berg-werken des Erzgebirges oder des Harzes neu beginnen würden. Das könnten sie, aber in allen Fällen verlören sie ihre Heimat. Eines stand für beide fest: egal wie sie ihren Weg wählen wollten, eine Trennung voneinander erschien ihnen als Ungeheuerlichkeit. Eine ganze Weile saßen sie einander an den Händen halten und lauschten in die Ferne, die ihnen vielleicht Zukunft werden könnte.

 

In diesem Moment begann Caspar stockend zu berichten, was der neue Pfarrer der Gemeinde im Gespräch mit seinem Vater dem Müller erzählt hatte. Ihm waren die Gerüchte um Mira und Caspar zu Ohren gekommen, und sie erfüllten seine christliche Seele mit großer Besorgnis: „Einst vor hundert Jahren trat die Königin Kunigunde, Gemahlin des Königs Heinrich II, im Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit, ein Gottesurteil an, um ihre Treue zum König zu beweisen. Sie war damals im Büßerhemd, ein Kreuz in den Händen haltend über ein glühendes Kohlebett gelaufen“, lautete sein Bericht. Nach dem Kreuz über der Brust und dem leise gemurmelten „In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Amen“, wartete er auf den Müller, bis dieser die Glaubensformel: „Im Namen des Vaters und Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen“, wiederholt hatte. Dann nahm er einen weiteren großen Schluck vom Wein, dessen Trauben an den Hängen von Czedelitz wuchsen, setzte den Krug ab und lobte das köstliche Getränk durch ein genießerisches Kopfnicken, wobei er murmelte: „Noch besser wäre es, der Wein wüchse unter der Sorgfalt und Obhut christlicher Hände heran.“ Nach dieser Betrachtung hob er erneut an: „Müller, ihr könnt mir glauben, Gott bewahrte sie vor Schaden. Ihr Glauben an Gottes Wahrheit trug sie mit Adlerschwingen über die gierige Glut“, er legte eine Pause ein, trank erneut und fügte hinzu: Wenn dieses Sorbenkind deinen Caspar wirklich liebt, warum sollte sie sich dann vor einer solche Probe fürchten?“

Die Müllerin, die hereinkommend den letzten Satz des Pfarrers gehört hatte, schlug vor blankem Entsetzen die Hände vor ihren Augen zusammen, so dass der Teller, den sie gerade noch in ihren Händen gehalten hatte, zu Boden fallend, in tausend Stücke zerbrach. „Gott be-wahre!“, rief sie dabei, „sie ist ein Heidenkind und das Kreuz in ihren Händen wird in Flammen aufgehen. „Nein, Pfarrer solches dürft ihr nicht denken.“ „Bleibt ruhig Müllerin und mischt euch nicht ein! Wenn es um Gott geht, schweigt!“ „Warum sollen wir nicht ein Zeichen setzen? Das Kreuz in der Hand und der eingeschlagene Weg über die Glut macht sie zu einem Gotteskind, ja mehr noch: zu einem starken Zeichen der Liebe, die von Gott ist.“

Durstig von dem ihn überwältigenden Gedanken hielt er seinen leeren Krug dem verdatterten Müller entgegen. Einen Schluck später begann er erneut: „Also lasst die Tochter des Slawen über die Glut laufen und ihr erfahrt viel über die Liebe.“ Dann stand er auf, nicht ohne den Krug geleert zu haben und ging zu seinem Haus an der Johanniskirche.

Caspar schwieg eine Weile. „Ich war entsetzt aufgesprungen und Niemals würde ich diesen Versuch zulassen. Eher würde ich fliehen und lief sogleich, meinen Gott verfluchend, dich zu suchen.“ Caspar erschrak vor seinen eigenen Worten. Mira drückte ihn an sich, stand dann entschlossen auf: „Wenn ich so unsere Liebe retten kann, werde ich dieses Gottesurteil annehmen. Ich will mit dem Kreuz in den Händen die Probe bestehen“, erklärte sie mit starker Stimme.

„Das brauchst du nicht!“, erklang es aus einem dichten Gebüsch, das sich teilte und aus dem die slawische Kräuterfrau heraus trat. „Du brauchst dich keinem Gottesurteil zu stellen! Das fand schon vor zweihundert Jahren statt und zwar hier an dieser Stelle!“

Die weise Frau wies mit ausgestrecktem Arm auf die verborgene Grotte hinter sich. „Beklagt nicht euer Schicksal. Ihr habt Grund, froh zu sein“, sprach sie in die verwundert blickenden Augen. „Ihr seid zu jung, könnt das Geheimnis um die Grotte im Felsen nicht kennen. Noch hütet das Grab im Felsen eure Hoffnung, aber in wenigen Nächten, wenn sich der Vollmond vollendet hat, wird es offensichtlich werden. Denn in dieser Stunde wird sich eine uralte Prophezeiung erfüllen, die für euch von größter Bedeutung ist.“

Den staunenden Erdenkindern erklärte sie: „Vor vielen Jahren wurden in ihr eine Siedlerin und ein Fürstensohn der Sorben eingemauert. Ihr Verbrechen: Sie liebten einander! Was sie nicht durften. Damals schwor unser Priester, dass, wenn die beiden Einge-mauerten, in ihrer Kammer nicht vermoderten und verwesten, die Sorben, entsprechend einer uralten Weissagung, ihre Götter aufgeben und zum Christentum übertreten würden. Denn damit wäre bewiesen, dass Gott seine schützende Hand gleichermaßen über Sorben und Siedler hält.“

„Wieso seid ihr so sicher, dass die Eingemauerten nicht verfault und verdorben sind?“, fragten die beiden wie aus einem Mund.

„Gottes Macht besteht in der Liebe zu einem jeden Menschen. Er trennt nicht zwischen euch und uns und gründet nicht auf Furcht und Schaudern. Er verlangt kein schönes Ross, kein Blut, kein Elend. Nur das Herz braucht man ihm auftun und das taten Maria und Dobran, die nichts anderes wollten als ihr gemeinsames Glück.“

„Dann können wir auf einen glücklichen Ausgang hoffen?“ „Eure Liebe wird in Erfüllung gehen. Und was noch wichtiger ist, von dem Tag an, an dem sich das Geheimnis der Gotte offenbart, werden Sorben und Christen in einer gemeinsamen Kirche beten können und die Götzenbilder auf dem Rossenberg werden verfallen.“

Die Liebenden eilen nach Hause und schnell wie der Wind verbreitete sich die Nachricht der Kräuterfrau ringsum.

Die Aufregung unter den Menschen wuchs mit einem jeden Tag. Und seltsam, seit sich diese Geschichte herum-gesprochen hatte, kam es – zufällig oder nicht – zu vielen Gesprächen zwischen Siedlern und Sorben. Schrumpfte ein Abstand, der sie all die Jahre getrennt hatte.

Am Sonntag predigte der Pfarrer aus dem Johannesevangelium: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Wäre es nicht so, ich hätte es euch gesagt.“ Und weiter sagte er: „Und wie ihr und wir alle hier im Land Wohnung nehmen im Haus Gottes, so nimmt Gott Wohnung in unseren Häusern.“ Dann sah er in die Runde, erblickte seine Heidenkinder und fuhr, sie freundlich und einladend ansehend fort: „Und er wird nicht fragen, in welcher Brust ein Herz schlägt, wenn er nur darin Wohnung nehmen kann.“ Da entrang sich mancher Brust ein befreiendes Stöhnen.

Indessen stand der Priester der Slawen im Stall des Dorfältesten von Czdelitz und streichelte sanft über den Hals eines prächtigen weißen Hengstes. An der Stelle, an der ihn einst das tödliche Messer treffen würde, hielt er inne und sah fragend zum Ältesten: „Ob dieser Prachthengst je unserem Gott Swantowitt geopfert wird, ist fraglich. Wenn die Grotte geöffnet wird und die Eingemauerten sind unversehrt, werden wir unsere Götter fahren lassen müssen.“ Der Älteste zog seinen Kopf zwischen die Schultern und antwortete: „Nun, vielleicht ist es an der Zeit, die alten Götter zu verabschieden. Denn siehe, die Christen karren Gänse und Hühner und Gartenfrüchte als Abgabe in ihre Kirche und wir, wir opfern Jahr für Jahr unsere besten Pferde.“

„Soll ich vielleicht beim Herrn Pfarrer zu Kreuze kriechen und lauthals meine Götter verraten, nur um in Zukunft bei ihm am Tisch sitzen zu können“, brachte der Priester vor. Der Älteste lacht laut und beruhigte ihn: „Na, wenn das deine Sorge ist, das mit dem Tisch und so, dann sei getrost ich brauche einen guten Züchter für meine Pferde, die ich in Zukunft an den Herzog zu verkau-fen gedenke.“ „Du bist ein schlauer Bauer und trägst wohl schon länger diesen Plan in deinem Herzen“, warnte der Priester und setzte bedeutungsschwer hinzu, „Warte nur ab, noch ist die Grotte verschlossen.“

In der Nacht sammelten sich unter dem geheimnisvollen Funkeln der Sterne auf dem Platz vor der Grotte Slawen, Siedler und selbst die Heidenkinder aus dem Wald trafen nach und nach ein. Sollte sich die Legende bestätigen, wären ihre Kinder keine Heiden mehr. Siedler und Sorben, Kirche oder Rossenberg, der einzige Gott, der Gott der Liebe oder die Vielzahl der rächenden Götter, alles würde sich in wenigen Stunden entscheiden.

 

Als die letzten Schatten der Nacht der aufsteigen-den Sonne wichen und wohl nur noch die Tiere in den Ställen der beiden Ortschaften von den Menschen kündeten, trafen der Burgwart von Borne, der Pfarrer und der Priester mit seinen Gehilfen ein. Gleich darauf begannen zwei Männer, nachdem ihnen die Kräuterfrau die Stelle gewiesen hatte, mit dem Freilegen des Eingangs und dem anschließenden Herausbrechen der Steine aus dem Mauerwerk. Während die Männer arbeiteten, er-fuhren die versammelten Slawen und Siedler von der alten Kräuterfrau die Geschichte um das Geheimnis der Grotte.

Die Männer hatten aufgehört Steine aus dem Mauerwerk zu brechen, lauschten jetzt, wie all die anderen, atemlos der alten Geschichte um die Slawen. Die, einst aus dem fernen Osten eingewandert in das Reich der Markomannen, hier an dieser Stelle ihre alten Götter verlieren würden. Und heute, heute sei die Stunde ge-kommen in der sich die Legende erfüllen sollte.

Es war so still geworden, dass die versammelten Männer und Frauen das Tropfen des Morgentaus hätten hören können, wäre da nicht der Chor der Vögel gewesen, der die Luft zauberhaft schwingen ließ. Dann begann die alte Heilerin erneut und erzählte von Maria dem Christenmädchen und Dobran dem Sorbenjungen, die aus Liebe zueinander starben. Liebe, die sie aus der Kraft des Glaubens an den Vater im Himmel schöpften. Während der Zeit der Erzählung betet der Pfarrer, schlug ab und an ein Kreuz über seiner Gemeinde und auch die Siedler verharrten in andächtigem Gebet.

 

Die Sorben sahen ungläubig zu ihrem Priester, als er-warteten sie, in seinem Gesicht eine Antwort zu finden. Die Männer fuhren nun fort, den Eingang freizulegen. Zögernd begann der Sorbenpriester: „Wenn es das Schicksal unseres Volkes bestimmt, den Glauben der Väter zu verlieren, wollen wir es ertragen. Nur, was wird mit unseren Ahnen? Werden sie nicht ruhelos umher-ziehend das Leben der Menschen bei Tag und Nacht stören und sollten wir nicht abwarten, was die Grotte uns letztlich offenbart? Die Umstehenden nickten Zustimmung. Kurz darauf war ein erster handbreiter Spalt, der einen Blick in die Grabkammer gestattete, geöffnet. Die Kräuterfrau führte zuerst den Burgwart und gleich darauf den Pfarrer der Gemeinde und den Priester der Götter gemeinsam nach vorn. Eine Fackel wurde entzündet und in den Spalt geschoben. Ab-wechselnd warfen die Männer einen Blick in die Kammer und traten wortlos zurück.

„Macht weiter“ riefen sie den Männern zu, während der eine die Hände zum Gebet gefaltet in die Knie sank und der andere mit ausgestreckten Händen seine Sonnengöttin anrief. Weitere Steine wurden herausgebrochen und nach und nach zeigten sich die Gestalten der Ein-gemauerten. Maria, das Schneeglöckchen und Dobran, der Sohn des Dorfältesten kamen nach zweihundert Jahren unversehrt, als wären sie nie gestorben, an das Licht des neuen Tages – die Kraft der Liebe beweisend, eine neue Zeit verkündend. Noch immer saßen sie Seite an Seite auf ihrer Steinbank. Die Zeit hatte ihnen nichts anhaben können. Sie hielten sich noch immer an den Händen, wie in jenen Stunden der Nacht, in denen sich ihre Verurteilung vollzog. Das Wunder war offenbar: Gott hatte seine Tochter und den Sohn des Götzenanbeters gleichermaßen erhalten, wie zu der Stunde, als sie in die Grotte steigen mussten.

Die neue Zeit, das waren auch Mira und Caspar. Sie standen im hellen Licht der Sonne vor der Grotte und hielten einander fest umschlungen. Und noch etwas geschah, Siedler und Slawen, die gerade noch getrennt gestanden hatten, traten nun plötzlich untereinander, wie Nachbarn, die einander auf dem Markt begegnen. Da schloss so mancher Siedler seinen Sohn, der einst in den Wald gezogen war, um mit einer Slawin zu leben, in die Arme und es kamen die Heidenkinder, um ihre Vorfahren kennenzulernen. Die Kräuterfrau rief lachend über die Köpfe der Menge hinweg: „Nun Pfarrer, da werdet ihr bald viel Taufe halten müssen und euer Küster muss die Glocken läuten zu den vielen Hochzeiten.“ Der Benediktiner Bruder aus dem Kloster Pegau, ein freund-liches Lächeln auf dem Gesicht, gab zu bedenken: „So vergesst auch ihr nicht, dass ihr bald sehr oft als Wehmutter bereit sein müsst.“ Dann schickte er den Küster in die Kirche, um zu Gottes Ehre alle Glocken zu läuten.

Nachdem sich die Menschen etwas beruhigt hatte, nahm der Priester der Sorben das Wort: „Wenn die beiden nicht vermodert und zu Staub zerfallen sind, dann werden die Sorben von ihren alten Göttern lassen und gemeinsam mit den Siedlern eine Kirche bauen. Das war der Spruch des damaligen Priesters und den wollen wir erfüllen, angesichts der Grotte!“

 

Jetzt erhob sich ein unbeschreiblicher Jubel, der sich mit dem aufkommenden Glockenklang vereinte und mit dem Wind weit über das Land an der Wyhra getragen wurde.

Plötzlich näherten sich mehrere berittene Jäger. Bald darauf drängte sich eine kaiserliche Jagdgesellschaft vor dem Eingang der Grotte. Kein anderer als der von allen verehrte Kaiser Rotbart, hoch zu Ross, stand plötzlich vor ihnen. Augenblicklich waren nur noch die Waldvögel zu hören und das Schnauben der Pferde, alle sanken ehrfurchtsvoll in die Knie. Der Kaiser schwang sich aus dem Sattel und gebot allen, sich zu erheben. So stand er, rothaarig und sie alle um Haupteslänge überragend, zwischen seinen Untertanen. Was sie sich unterstünden, seine Jagd durch ihren Lärm zu unterbrechen, tadelte er mit mildem Lächeln. Das ganze Wild würden sie verscheuchen. Der von Borne trat vor die Menge, verbeugte sich tief und klärte den Kaiser als obersten Lehnsherren des Reiches über die Ursache des gewaltigen Lärms auf. Kaiser und Gefolge hörten staunend die Geschichte, die ihnen vorgetragen wurde.

Wie zum Beweis der Wahrheit brachte ein mutiger Knabe Brot und einen Krug mit Wasser aus der Grotte hervor, die den beiden unglücklichen damals mitgegeben worden waren. „Willst du Knabe Brot und Wasser prüfen?“ Wortlos, unter dem Schweigen der Menge, beantwortete der Junge die Frage des Kaisers, in dem er Brot und Wasser zu sich nahm. Jetzt musste auch ein Bediensteter beides prüfen. Das Brot war weich und knusprig und das Wasser frisch, als sei es gerade aus einer Quelle geschöpft worden.

 

Der Kaiser und seine Jagdgesellschaft stiegen von ihren Pferden und sanken andächtig in die Knie. „Hier hat Gott ein Wunder geschehen lassen“, begann der Rotbart, „hat seine Worte zur Tat werden lassen und so will ich ihm gemeinsam mit euch eine Kirche, hier an diesem Ort und an dieser Stelle, errichten. Und Brot und Wein sollen förderhin in ihren Mauern von der Liebe Gottes künden. Er hieß Pfarrer und Priester: „Im Glauben vereint sollt ihr eine neue Gemeinde zusammenführen, in die diese Kirche einzieht und fortan gemeinsam den Vater im Himmel als den wahren Gott verkündet!“ Und zu Otto von Freising, seinen Onkel und Biographen gewandt, empfahl er: „Specht mit dem Kräuterweib und schreibt auf, wie es zu diesem denkwürdigen Tag gekommen ist.“

„Dieses neue Gotteshaus soll der Heilige Kunigunde gewidmet sein, die für ihre Glaubensstärke und ihren Willen, Frieden zu stiften, bekannt ist. Ihr Vertrauen in die Liebe Gottes ließ sie sein Gericht bestehen. Ihr Geist soll förderhin die Gemeinschaft zwischen Slawen und Christen prägen.“ Sich an seinen Kämmerer wendend wies er an: „Unser Jagdlager wollen wir heute hier an dieser Stelle aufschlagen und ein jeder soll daran teil-nehmen können! Also eilt und schafft herbei, was unserer Freude Ausdruck verleihen soll!“

So kam es, dass unweit der Sorbensiedlung, damals mitten im Wald, eine prächtige Hallenkirche entstand, die ihren Ruf weit über das Land breitete.

 

OSTERN 2018

Es ist Ostersonntag. Die Kunigundenkirche liegt noch im Dunkel der Nacht, während ein grauer Schimmer den neuen Tag ankündigt. Die Gemeinde steht um ein Feuer, wir singen und beten nach unserer Vorväter Art. Die Glocke beginnt zu läuten und wir ziehen ein, in der rechten Hand ein Osterlicht, dass sich im Kircheninneren mit dem Lichte der Kerzen an den Wänden vereint. Während der Pfarrer predigt, von der Hoffnung der Welt, die uns aus der Auferstehung des Herrn erwächst, erhebt sich im Osten die Sonne, begleitet vom Jubel der Vögel, der sich ab und an mit dem Gesang der Gemeinde mischt.

In diesem Moment wuchs in mir die Geschichte um die Grundsteinlegung der Kunigundenkirche heran. In Erinnerung an die ersten Siedler und ihr beginnendes Zusammenleben mit den hier ansässigen Slawen. Und an die Liebe, die beide Völker zusammenführte. Im Licht der ersten, die Kirche erhellenden Sonnenstrahlen erschienen mir der Burgenbauer, Maria, Dobran und die kluge Kräuterfrau, hörte ich das mahlen ungefüger Wagenräder im Flusssand der Wyhra. Ich hörte die Urwaldriesen fallen, sah die wachsenden Höfe.

Noch ein Lied, der Gottesdienst ist zu Ende. Dem Pfarrer an der Tür erzählte ich von meinem Lichterlebnis, während sich in mir mehr und mehr eine Geschichte formt.

So entstand die Geschichte „Das Geheimnis der Grotte“ als Widerspiegelung meiner Gedanken über die Liebe, die wirklich und wahrhaftig das Größte im Leben der Menschen ist.

Luther, ein Mönch gegen Papst und Kaiser

6,99 €

Johannes Mönch und Rebell - Broschiertes Buch

14,99 €

Johannes Mönch und Rebell - eBook

3,49 €

Von Anfang an - Vier Geschichten über die Liebe

13,90 €

Michael Potkownik
Lobstädter Straße 34
04552 Borna
Telefon: 03433-200437
E-Mail: michaelpotkownik@web.de

Tourist-Info Borna
Markt 2
04552 Borna
Telefon: 03433-873195

"Die Buchhandlung"
Mühlgasse 5
04552 Borna
Telefon: 03433-2094350

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok