1. Kapitel 

Der Weg nach Kahnsdorf

Einen Spalt weit öffnet der schwäbische Dichter Friedrich Schiller seine Augen und blinzelt in den sonnigen Nachmittag des 1. Juli 1785, der das Zimmer des Gartenhauses im Gut Kahnsdorf in ein freundliches Licht taucht. Hat er da jemanden rufen hören? Er lauscht auf die Geräusche seiner Umgebung, die nach und nach, er hatte tief und fest geschlafen, Form und Gestalt annehmen. Langsam hebt er seine langen Beine von der harten Lehne seines Ruhebettes und stellt die Stiefel, die er nicht ausgezogen hatte, auf die knarrende Diele. ›Meine Beine sind wohl auch eingeschlafen‹, denkt er, bekämpft das Kribbeln in den Waden und sinniert dabei: ›Dies müsse wohl auch die Ursache für den belastenden Traum sein, der ihn gequält hatte, einer schonungslosen Reise durch Kindheit, Jugend und Studium, die mit einem Misserfolg geendet hatte – wie so häufig. Selbst sein Bittgang zu den Feingeistern nach Leipzig war ihm in Traumbildern aufgezeigt wurden‹, denkt er fast belustigt. Noch während er sich seufzend aufrichtet, überfallen ihn die Erinnerungen an den Traum wie ein Echo aus tiefster Höllenqual. Er ist so vertieft, dass die Geräusche der fernen Mühle, das emsige Hämmern eines Hufschmiedes und der feine Stallgeruch des Gutsbetriebes, der sein Zimmer füllt, nicht in sein Bewusstsein dringen. Denn er befindet sich in Gedanken gerade mit seiner Lieblingsschwester Christophine auf einem Spaziergang durch den dichten Wald um Lorch. Betritt mit ihr, umhüllt von heiligem Schauer, die Gruft des Klosters, in der seit hunderten Jahren die Gebeine der Stauferkaiser ruhen, hört seinen väterlichen Freund, den Pfarrer Moser in der kleinen Dorfkirche predigen. Fast spürt er körperlich das Vertrauen, das er diesem Mann einst entgegengebrachte. Denn, ihm nacheifernd, wollte er einst selbst Pfarrer werden. Sein Lächeln schwindet, denn an die Stelle des Freundes tritt irgendwann Karl-Eugen von Württemberg. Der forderte, da war der Knabe Schiller kaum 11 Jahre alt, den begabten Sohn seines Hauptmanns und Gartenmeisters auf, diesen auf seine »Pflanzschule« zu schicken. Sein Vater erhob damals Einspruch, erlaubte sich in einem Brief zu bemerken, dass sein Sohn doch unbedingt Pfarrer werden wolle. Der Widerspruch verfing nicht. Seine Landeskinder schuldeten ihm vor allen Dingen Gehorsamkeit, forderte der Fürst machtbewusst. Sie sollten doch bedenken, dass seine Akademie kostenfreie Ausbildung gewähre und sicher auch eine Anstellung in seinem Dienst nach sich ziehen würde. Die Familie gab nach und der Junge zog als 13-Jähriger schweren Herzens in die berühmte, für ihren gnadenlosen Drill berüchtigte Pflanzschule ein, denn nur so konnte er Schaden für seinen Vater und die ganze Familie abwenden.

Das schlug ihm damals auf den Magen, wie heute Mittag die wohlschmeckende sächsische Bauernmahlzeit, mit all dem Wein, Bier und Likör aus Keller und Brauhaus.

Jurisprudenz hatte er studieren sollen, bestimmte wiederum sein Landesvater, der für das Pfaffentum wenig und noch weniger für die Dichtkunst Interesse aufbringen wollte. Dieses Studium erfüllte ihn nicht und so waren seine Leistungen der Spiegel seines Widerwillens. Noch beschrieb er diesen Tyrannen auf dem Fürstenstuhl als »Karl Eugen, den Mörder seiner Kindheit«. Nach einem Jahr wechselte der verhinderte Dichter zur Medicin. Das erwies sich als weitaus erfolgreicher, traf die Neigungen des Studenten ungleich mehr. Hilfreich zur Seite stand Professor Apel. Dieser machte ihn mit den alten griechischen Philosophen sowie mit Voltaire, Rousseau und dem Engländer John Locke bekannt. »Alle Menschen sind frei und haben die gleichen Rechte.« Shakespeare, den englischen Gesellschaftsbeschreiber und Dichter, lernt er durch ihn kennen und begeistert sich für ihn. Von solchen Erkenntnissen und Einflüssen befeuert, manifestierte sich sein rebellischer Geist und sein erstes großes Lesedrama Der Räuber nahm frühe Gestalt an. Es sollte ein paar Monate später 1781 anonym im Selbstverlag erscheinen, bevor es ein Jahr später in seiner Bühnenfassung für Furore sorgte. Zunächst schrieb Schiller aber vor allem an seiner Examensarbeit Philosophie der Physiologie, eine Untersuchung über den Zusammenhang von Körper und Geist. Diese Dissertation erregte Aufsehen, brachte aber nicht die erhoffte Entlassung aus den Fängen der Akademie. Denn während ein Gutachter dem Absolventen bescheinigt: »Sein alles durchsuchender Geist verspricht, nach vollendeter jugendlichen Gärung, einen nützlichen Gelehrten«, verdonnerte ihn sein Landesvater zu weiteren Studien mit der verwegenen Begründung: Der Schiller braucht noch Zeit, in der er sein Feuer etwas abkühlen kann. Das tat ich dann auch, verkündete der angehende Dichterfürstspäter in aller Offenheit, und schrieb gleichermaßen fleißig wie feurig an seiner zweiten Dissertation Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen. Parallel dazu widmete er sich noch seinen Räubern. 1780 durfte er dann endlich die Akademie verlassen und wurde Regimentsarzt in Stuttgart.

Nachdem er seine »Räuber« wie schon erwähnt 1781 anonym erscheinen ließ, bekannte er sich bei der Bühnenfassung ein Jahr später zu seiner Autorenschaft. Die Räuber: Ein Husarenstück, das bei seiner Aufführung in Mannheim die Zuschauer in stürmische Begeisterung versetzte. Die Menschen jubelten Schiller zu, sein Landesvater dagegen war not amused und verdonnerte ihn zu einem vierzehntägigen Arrest. Seine Freunde rieten ihm: Verlass Mannheim. Im September machte er dann ernst und floh wirklich. Aber die Drohung seines Landesvaters hing wie das Schwert des Damokles, nur von einem Rosshaar gehalten, über ihm.

Die große Sorge war: Der Herzog könnte versucht sein ihn zu entführen, wie er es mit dem Dichter Schubart vor Jahren getan hatte, um diesen, als »Belohnung« für einen freiheitlichen Bericht, auf dem Hohenasperg einzukerkern. Schillers Freund Andreas Streicher, mit dem er im September 1782 als Dr. Ritter und Dr. Wolf Stuttgart verließ, begleitete ihn nach Mannheim, Frankfurt und von da nach Oggersheim, wo er seinen letzten Dukaten verbrauchte. Im tiefsten Winter 1782/83 musste Streicher im pfälzischen Nest zurückbleiben, während Schiller nach Bauerbach im Thüringischen auswich. Seine Wirtin Henriette von Wolzogen, die Mutter eines Mitschülers an der Akademie, bot schützendes Exil, das er vor Weihnachten, in elendem Zustand, erreichte.

Oh, oh Bauerbach! Zuerst war da die warme Stube, die ihn bei seiner Ankunft in eisiger Nacht empfing. Hilfreich stand ihm der Bibliothekar Reinwald zur Seite, versorgte ihn fortan mit Büchern, die er für die Fertigstellung seines Don Carlos und der Luise Millerin benötigte. Bei der Erinnerung an Reinwald freute er sich doppelt, denn der heiratete seine geliebte Schwester Christophine, es war wohl Liebe auf den ersten Blick, fast vom Fleck weg. Hintergrund war ein Brief, den Christophine an den Flüchtling gerichtete hatte und der vom Bibliothekar, bewusst oder durch Zufall, gelesen wurde. Nur sechs Monate später fand die Hochzeit statt. Das war eine schöne Zeit im Thüringischen, wenn nur nicht seine Verwirrtheit um Henriette von Wolzogen und deren liebreiche Tochter Charlotte gewesen wäre.

 

Im April 1783 kam Nachricht aus Mannheim: Wie es denn ihm, dem Flüchtling ginge, wollte Dalberg plötzlich wissen. Ausgerechnet sein Intendant, der ihn noch im Vorjahr so schmählich hatte sitzen lassen. Damals wollte der nämlich mit einem Fahnenflüchtigen nichts zu tun haben, jetzt bat er um Nachricht. Schiller schmunzelte: ›Den habe ich neugierig gemacht mit meinen Andeutungen über Fieco, Don Carlos und Luise Millerin‹. Bald darauf flatterte ein Angebot in das bauerbachsche Exil: Einstellung als Theaterdichter für ein Jahr unter der Bedingung, drei Stücke zu liefern, dazu ein Salär von 300 Dukaten. Guten Mutes nahm er Abschied von seinem Schwager Reinwald, vom freundlichen Bauerbach und trat die Stelle in Mannheim an. Doch dort war er wieder vom Missgeschick verfolgt. Seinen Fiesco verstanden die Mannheimer nicht so recht. Der Erfolg blieb aus, und auch um Luise Millerin gab es ständig Auseinandersetzungen mit den Mannheimer Schauspielern. Schauspieler, die ihn, den Dichter, zu belehren suchten. Auch seine Affäre mit der Hauptdarstellerin der Luise ging gründlich schief. Zu allem Unglück erkrankte er im September dann noch am Kalten Fieber. Vergeblich bemühte er sich um eine Vertragsverlängerung, aber Dalberg lehnte ab. In einem Schreiben beschied er ihm gar, seine Dichtkunst ganz an den Nagel zu hängen. Bald darauf hörte man in der ganzen Stadt die Geschichte vom Dichter »Flickwort«. Selbst sein Freund Iffland, von dem die Idee stammte, das Stück Luise Millerin als Kabale und Liebe aufzuführen, fiel ihm in den Rücken. Machte ihn in einem seiner Stücke lächerlich, in dem ein »Dichter Flickwort« sein Unwesen trieb. »Dichter Flickwort«, das hatte gesessen und traf den Poeten wie ein Pfeil in die Brust. Zu allem Unglück meldete sich jetzt selbst sein Vater und riet ihm, er solle doch zurückkommen und wieder als Regimentsmedicus arbeiten. Sein Verse schmieden könne er dann doch immerhin nebenbei betreiben. Fast hätte er nachgegeben, wenn nicht, seit einigen Wochen schon, ein Brief aus Leipzig auf seinem Tisch gelegen hätte. Der Absender war ein Ferdinand Huber, der im Auftrag der Schwestern Dora und Minna Stock und Christian Körner schreibe. Vier Kupferstiche mit den Konterfeis der Leipziger und ein Beutel von 300 Dukaten lagen anbei. Ihr Brief war eine herzliche Einladung nach Leipzig. Aber noch war Schiller nicht bereit für einen weiteren Ortswechsel. So blieb der Brief sechs Monate unbeantwortet. Ein Gedankenschwenk zu Charlotte von Kalb, mit der er schon seit seinen ersten Tagen in Mannheim bekannt war. Sie, die Frau des ungeliebten Obersts im fernen Amerika.


Dank ihrer Vermittlung konnte er vor dem Herzog von Weimar aus dem unfertigen Don Carlos vortragen und avancierte daraufhin im Dezember 1784 zum Weimarischen Rat. Das tat gut, wenngleich einige zusätzliche Dukaten noch besser gewesen wären. Aber es war ein Weg aufgetan, weg von Mannheim hin nach Weimar zum kunstsinnigen Herzog und vor allem zu Goethe. Im Januar 1785 erreichte ihn ein zweiter Brief, diesmal direkt von Körner, der ihm dringend empfahl, wenn er weiter an seinen Werken arbeiten wolle, nach Leipzig zu kommen, wo ihn ein Zirkel begeisterter Anhänger erwartete. Diese Zeilen waren der Auslöser, Mannheim zu verlassen, oder floh er doch nur vor den Avancen seiner Freundin Charlotte von Kalb, die ihm bei seinem letzten Besuch unumwunden die Ehe zu Dritt angeboten hatte? Jedenfalls wollte er jetzt im März dem Rat Körners folgen und Mannheim in Richtung Leipzig verlassen. »Alle iacta est«, sein Rubicon war überschritten, der »Würfel war gefallen«, der Weg nach Leipzig war frei.


Im Örtchen Gohlis nahe Leipzig quartiert er sich auf einem Bauernhof ein. Die Sachsen empfangen ihn mit offenen Armen, bald ist er gern gesehen in den gastlichen Häusern der Stadt, so denkt er mit wachsendem Vergnügen und bewundert den besonderen Lebenssinn eines freiheitlichen Völkchens. Jener Ferdinand Huber, lacht er, ist ein echter solcher Vertreter wie »der heute mit dem schwarzen Reiter umgegangen ist«. In der frühen Morgensonne des 01.Juli 1785 waren sie, Dora und Minna Stock, Ferdinand Huber und er in Gohlis nach Kahnsdorf aufgebrochen. Hier sollte es zu einer ersten größeren Zusammenkunft mit seinem Gönner Körner kommen. Bis dahin würden aber noch einige Stunden verstreichen. Kurz nach ihrem Aufbruch bemerken sie einen Reiter, der sie wie ein dunkler Schatten begleitet. In Rötha, während des kurzen Frühstücks, sitzt der Dunkelmann gar mit ihnen im Gastraum. In einem günstigen Moment schleicht sich Ferdinand in den Pferdestall und schneidet kurzerhand das Gurtzeug vom Pferd des schwarzen Reiters an. Mit unschuldiger Miene kehrt er kurz darauf zurück. Blinzelt verschwörerisch in die Runde und bestellt für den schwarzen Reiter einen Krug dunklen Röthaer Kirschwein. Wenige Minuten später klärt sich seine Großzügigkeit auf. Ihre Kutsche rollt in Richtung Kahnsdorf, der Spion folgt in großem Abstand, da gibt Ferdinand dem Kutscher ein Zeichen, die Fahrt zu beschleunigen.

 

Die Pferde ziehen freudig an und die Freunde können sehen, wie der Spion, der das Manöver nachmachen will, abrupt vom Pferd fällt. Ferdinand lacht laut und noch lauter ruft er: »Der wird uns so schnell nicht mehr belästigen.« Was die vier noch beobachten können, ist, dass sich der schwarze Reiter mühsam aufrappelt und seinem Pferd, das sich im freien Galopp zum Stall in Rötha bewegt, hinkend nacheilt. Lachend wenden sich die jungen Leute ab und fallen in ein Spottlied ein, das Ferdinand, der seine Klampfe hervorgeholt hat, anstimmt. Mit solchem Gesang auf ihren Lippen rollen sie bald darauf hinunter nach Kahnsdorf und auf den Gutshof zu. Trotzdem hängt die Bedrohung durch den Würtenberger noch immer wie das Schwert des Damokles, nur von einem Rosshaar gehalten, über ihm. Doch die unguten Gedanken werden nicht heimisch, vor so schöner Kulisse. Ja, Kahnsdorf, der traute Ort im Sonnenschein und ihr Spaziergang am Vormittag inmitten der Felder und Wiesen, ihr Verweilen an den dunklen Ufern der Wyhra, die mit ihrem murmelnden Fließen Märchen zu erzählen scheint und all die Menschen in ihrem Tagwerk. Ein Gedicht soll diesem Hoffnungsort gewidmet sein und vor allen Dingen seinen Freunden zugeeignet sein. Ein Vortrag an der Kaffeetafel, und später, wenn Körner aus seinem Dienstort Dresden eintreffen wird, auch vor dessen edlem Herzen. Wieder schweifen Schillers Gedanken zurück an die Mittagstafel und er sieht den Tausendsassa Ferdinand, wie er am Tisch sitzt oder steht, oft laut deklamierend seine und vor allen Dingen die Verse des Gastes vortragend, so flüssig und überzeugend als sei er der Verfasser. Als seien sie aus seiner Feder. Mein altes Trinklied An die Freude, so denkt Schiller, beherrschen die Leipziger auf jeden Fall sehr gut. Die Noten, von Körner und Dora gesetzt, verleihen ihm den rechten Schwung. Da kann ich mit meinem Kahnsdorfer Elysium mithalten, reflektiert der Dichter, erhebt sich und folgt dem Ruf des Hausdieners. Er tritt aus dem Gartenhaus, sieht die festlich gedeckte Kaffeetafel, seine neuen Freunde und ein Hochgefühl sagt ihm: Hier habe ich endlich eine neue Heimat gefunden, in der ich ohne Bedrückung arbeiten kann.

Er erhebt sich. Eigentlich hat er seine Freunde schon viel zu lange warten lassen.

 

 

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