„Eigentlich verlief mein Familienleben in geordneten Bahnen“, beginnt er seinen Bericht, bis eines Tages das Telefon klingelte. „Hallo Michael, hier ist Anneliese, deine ehemalige Klassenkameradin“, rief sie freudig in den Hörer. ‚Ach so', dachte ich, ‚auch so eine, die gern über meine Träumereien gelacht hatte'. Ein kleiner Stich in die alte Wunde. Trotzdem sagte ich artig: „Schön, von dir zu hören.“ Dann rückte sie mit der Sprache heraus: Es ging um ein Klassentreffen. Na toll, Klassentreffen! Bussi hier und Bussi dort, hallo alter Junge. Wie Recht sie haben, graue Haare, dicker Bauch, Tränen-säcke und sieh, was aus uns geworden ist. Wer warst du? Wer bist denn du? Alles, was ich so nicht gern absolviere. Schnell fügte Anneliese, sie hatte mein Zögern bemerkt, hinzu: „Machst du mit? Würdest du kommen?“ „Das sind eigent-lich nicht meine Veranstaltungen“, erwiderte ich. „Protest!“, rief Anneliese, „Das kannst du nicht machen!“

Dann hörte ich das unter den Jahren verschüttete: ‚Julia: O denkst du, dass je wir uns wiedersehen? Romeo: Ich zweifle nicht und all dies Leid dient in Zukunft uns zu süßerem Geschwätz.' Da war sie, meine Kristina. Die Meine war sie nie gewesen, war allerdings das Mädchen, das mein Herz berührt hatte. Der Blaue See und Lisei und Paul. Plötzlich war alles wieder da. Ich fragte nach Kristina. „Ja, sie kommt.“ Einen kleinen Moment hielt ich inne, dann bat ich um etwas Geduld und legte auf.

Ich lief aus meinem Arbeitszimmer in den Hobbyraum meiner Frau: „Stell dir vor Gudrun, wir machen nach 50 Jahren ein Klassentreffen und ich bin eingeladen.“ Sie löste ihren Blick von ihrer Staffelei: „Du klingst so freudig“. Ihre Stimme ging hoch, wie immer, wenn sie eine Feststellung in eine Frage wandelte. „Na, nach 50 Jahren. Da kommt wohl das Lumpen-püppchen auch?“ „Ja, Kristina kommt auch. Und stell dir vor, sie hat schon zugesagt, deine ehemalige Sportkameradin.“ „Ach was, die hatte ja nicht einmal einen flotten Trainingsanzug.“ „Es hatte auch nicht jeder Westverwandtschaft wie du.“ Keine Antwort, nur ein alles sagendes Schulterzucken. „Außerdem hat sie dich einfach vergessen. Während ich dich geheiratet habe.“ Fast klang sie beleidigt. ‚Zweifellos eine berechtigte Antwort', dachte ich. Meine Freude konnte sie doch nicht trüben. Ich ging zurück. Etwas Geheimnisvolles zog mich in die Bibliothek. Nachdenklich betrachtete ich die Bücher meiner Jugendzeit. Später rief ich Anneliese zurück, sagte mein Kommen zu und ging wieder zu meinen Büchern.

Wahllos nahm ich einige Jugendbücher, die meisten hatte auch Kristina in ihren Händen gehalten, aus dem Regal, betrachtete die Einbände und Titel, stellte diejenigen, die einmal so wichtig für uns gewesen waren, wieder zurück, sodass sie die nächsten Jahrzehnte weiterhin ungelesen herumstehen könnten. Zuletzt nahm ich den Band vom Pole Poppen-späler und setzte mich in meinen Sessel, schlug ihn auf und las Kristinas Gruß an mich. Ich versank in die alte Geschichte um unsere Nacht am See. Erst meine Frau, sie rief mich zum Abendessen, unterbrach meinen Gedanken und ich ging ganz benommen hinüber in unser Esszimmer. Diese Suche in der Bibliothek ließ mich einfach nicht los und wenige Tage, nach dem Telefonat mit Anneliese, ging ich an Kristinas Haus vorüber. Wie immer sah ich hinauf zum Fenster, hinter dem sie einst geschlafen hatte. An der Haustür zog eine magische Kraft meine Hand zur Klinke. Ich drückte sie herunter. Die Tür gab mit leisem Knarren nach und ich trat in den halbdunklen Hausflur. Sogleich sah ich sie stehen, wie damals. Sie stand oben, erste Treppe, die Tür halb geöffnet. „Na, Michael, schon Hausaufgaben gemacht?“, rief sie mir zu. Ich zuckte mit den Schultern. Ja, wie damals zuckten meine Schultern und wie damals dachte ich: ‚Warum nur, Kristina, bist du immer so fleißig, so strebsam und manchmal so spöttisch?' An jenem Tag hielt ich ihr stumm das Buch mit dem Titel Das grüne Tor entgegen. Sie kam herab und mit einer leichten Berührung meiner Finger

nahm sie den letzten Band der Erzählung über den kühnen Piraten, ließ ihre Augen spöttisch blitzen und

fragte: „Jan Kuna möchtest du wohl gerne sein?“ ‚Ja', hätte ich schreien mögen. ‚Der will ich sein und ich

will dich rauben und mit dir die Welt umsegeln.' Stattdessen brachte ich nur mühsam heraus:

„Dann machs gut, ich gehe an meine Hausaufgaben.“

Michael Potkownik

 

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