Drehbuch von Michael Potkownik 

Alle im Drehbuch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt. 

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August, an einem Badesee schwimmen Marie-Christin und Johannes. Später stürmen sie auf ihre Decke und lesen sich abwechselnd aus ihren mitgebrachten Lieblingsbüchern vor. Johannes steht auf, greift sich etwas Kleingeld und geht ein Glas rote Limonade und eine Bockwurst holen. Beides teilen sie sich mit vertrauter Selbstverständlichkeit. Als es dunkel wird, radeln sie zurück in die Stadt. An einer Stelle ihres Weges wird der Feldweg vom dichten Blätterdach einer vielhundertjährigen Eiche und einer ebenso alten Linde überspannt. Übermütig grüßen sie die beiden mächtigen Stämme. „Kennst du die Geschichte von Philemon und Baucis“, ruft der Junge übermütig seiner Freundin zu. „Ja“, gibt die zurück, „die konnten einer nicht ohne den anderen leben.“ „Der Göttervater Zeus und sein Bote Hermes belohnten sie für ihre Gastfreundschaft, die ihnen einst erwiesen wurde, mit einem langen Leben und einen gleichzeitigen Tod.“ „Nicht nur das“, ergänzte das Mädchen, „In Eiche und Linde überdauern sie seitdem, als Zeichen für die Kraft der menschlichen Liebe, die Zeiten. 

AUSBLENDEN

1. AKT

50 JAHRE SPÄTER

1. SZENE 

INNEN - FLUGHAFEN-ABFLUGHALLE - VORMITTAG

 

JOHANNES Breitner, 65 Jahre, ein sportlicher, Turnschuhe tragender Mann, steht in der Schlange zum Check-In. An seiner Brust lehnt Marie-Christin Stübner, ein Läufertyp, seine ehemalige Klassenkameradin und Jugendliebe. Beide wollen einige Tage in Großbritannien verbringen und dann in der Hochzeitsschmiede Gretna Green heiraten.

EDGAR Mortau, amerikanischer Drehbuchautor und Geschichtenjäger, in seinem Gefolge zwei Studenten, SOPHIE Eschenbach und DANIEL Gent, betreten die Abflughalle. Edgar Mortau mustert die Umgebung, taxiert mit Blicken die Menschen, die eilig unterwegs sind.

 

SOPHIE

(zeigt auf Marie-Christin und Johannes)

Die beiden sehen glücklich aus.

 

DANIEL

Sie sehen aus wie Philemon und Baucis.

 

EDGAR

(suchend)

Wer ist glücklich und vor allen Dingen wo sind diese beiden Lieblinge der Götter?

 

SOPHIE

(empört)

Nicht doch, so alt wie die in der griechischen Mythologie sind die beiden noch lange nicht.

 

DANIEL

(tippt Sophie auf die Nase)

So alt sind sie wirklich nicht, aber sicher so

glücklich wie die beiden?

 

EDGAR

Ach, die beiden da am Schalter. Hättet ihr mir

gleich sagen können.

 

SOPHIE

(sehr bestimmt)

Daniel, so glücklich musst auch du mich machen!

 

DANIEL

Viel Leid, auf seinen Bahnen muss der Mensch ertragen, um glückhaft einen Augenblick zu nennen.

 

SOPHIE

Du sollst nicht Leid mir, die Liebe sollst du

bringen.

 

DANIEL

Es ist ein Brunnen tief, den es auszuschöpfen gilt! Auf seinem Grund die Liebe liegt, die tiefer als der tiefste Brunnen ist.

 

EDGAR

Hört auf zu spinnen. Brunnen tief die Liebe ist. Die Grube allein, die uns am Ende alle erwartet, ist tief, nichts sonst. Kommt, diese Reisenden sehen wir uns etwas näher an.

 

SOPHIE

Echt unromantisch. Wie kann man denn da ein

Drehbuch schreiben?

 

EDGAR

Ja, so ist das. Geld muss man verdienen, aber das musst du erst am eigenen Leib erfahren, wenn dein Vater keinen Scheck mehr schickt.

 

SOPHIE

(winkt ab)

Was für ein profaner Gedankengang.

 

DANIEL

Um ein Bild zu zeichnen: Edgar, nach deinen Worten gleicht die Liebe eher einem alten Mann, der über jede Bordsteinkante stolpert, als einem Hirsch, der förmlich die Weiten überspringt.

 

SOPHIE

Männer, Männer … so unromantisch. Der Mann mit seiner Dame, wie glücklich die sind. Das ist voll süß.

Edgar und Daniel lachen.

 

EDGAR

Sophie, die sehen nicht nur glücklich aus, die sind es wirklich, weil sie einander genügen, aber das kannst du noch nicht wissen. Sie fliegen auch nach London, wie ihr seht. Vielleicht kann ich sie für mein Filmprojekt „Von Anfang an -Geschichten über die Liebe“ begeistern.

 

SCHNITT 

2. SZENE 

INNEN - TRANSITRAUM - TAG

 

Nachdem Marie-Christin und Johannes alle Formalitäten erledigt haben, nimmt sie im Transitraum Platz. Johannes geht zwei Tassen Kaffee holen. Edgar mit Gefolge betritt ebenfalls den Transitraum und steuert direkt auf Marie-Christin zu.

 

EDGAR

(zieht seinen Hut) 

Gestatten Sie: Edgar Mortau, Geschichtenjäger und Drehbuchautor.

 

MARIE-CHRISTIN

(denkt)

An wen erinnert der mich nur? Ist er eher Hemingway oder Egon Erwin Kisch?

(laut sagt sie)

Bitte nehmen sie doch Platz.

 

Edgar beginnt mit Marie-Christin ein Gespräch. Als Johannes zurückkommt, sieht er neben Marie-Christin einen vierschrötigen Mann mit einem auffallenden breitkrempigen Hut in der Hand stehen.

JOHANNES

(denkt)

Der ist wohl etwas aus der Zeit gefallen? Wobei, er sieht aus wie Egon Erwin Kisch oder eher wie Hemingway. Dem fehlt nur die Zigarette im Mundwinkel. Hier ist ja Gott sei Dank Rauchverbot.

 

Marie-Christin und Edgar sind in ein Gespräch vertieft. Neugierig tritt Johannes dazu und sieht Marie-Christin fragend an.

 

MARIE-CHRISTIN

Das ist Edgar Mortau, ein Journalist und Drehbuchautor. Er reist um die Welt und sucht Geschichten glücklicher Pärchen.

 

EDGAR

(steht auf, verneigt sich)

Entschuldigen Sie bitte, aber Sie beide sind mir und meinen deutschen Freunden bereits beim Betreten der Abflughalle aufgefallen.

 

DANIEL

(weist auf Edgar)

In ihm lernen Sie die Inkarnation des legendären, rasenden Reporters Egon Erwin Kisch kennen.

 

SOPHIE

Sie beide machen einen voll süßen Eindruck. Vermutlich stehen Sie unter dem Schutz der Venus.

 

JOHANNES

Ach ja, weil uns die Liebe aus den Augen

strahlt.

 

EDGAR

Ja, genau oder vielmehr wegen der Geschichte, die sich hinter Ihrem Strahlen verbirgt.

 

JOHANNES

(wenig begeistert)

Meinen Kaffee darf ich schon abstellen?

 

EDGAR

Bitte, bitte. Natürlich. Wir wollen Sie nicht bedrängen.

 

JOHANNES

(setzt sich)

Menschen und ihre Geschichten. Ja, das ist eine schöne Aufgabe, die Sie sich da gestellt haben, obwohl, so selten ist sie nicht.

 

EDGAR

Da haben Sie Recht, selten ist dies nicht, dennoch selten so tief, wie in Ihrem Fall. Da irre ich mich nicht.

 

JOHANNES

Ich muss Sie enttäuschen, wir beide wollen erst heiraten. Falls Sie das meinen. Marie-Christin soll entscheiden.

 

EDGAR

Gerade dieser Fakt macht die Geschichte noch interessanter.

 

MARIE-CHRISTIN

Warum sollen wir nicht berichten, was uns verbindet, was uns trennte und schließlich zusammenführte?

 

JOHANNES

Na, bitte.

 

Johannes lehnt sich zurück und lauscht, der ihm so vertrauten Altstimme seiner Jugendliebe, mit der sie von ihrer ersten Gemeinsamkeit mit ihm berichtet.

 

MARIE-CHRISTIN

Johannes war schon als Kind eine Leseratte. Er kannte alle Bücher seiner Eltern und machte vor keinem Halt.

 

SOPHIE

Alle?

 

MARIE-CHRISTIN

Ja, auch die Doktorbücher, wenn Sie die meinen.

 

JOHANNES

Natürlich kannte ich auch die Bücher der Aufklärung. Weil ich ein Entdecker war, Pfeifer-Hänslein und Götz von Berlichingen – vor allen Dingen die berühmte Stelle – kannte ich.

 

SOPHIE

Welche berühmte Stelle?

 

EDGAR

Natürlich die, in der der Berlichinger dem Boten des Kaisers zuruft: Sag deinem Kaiser einen schönen Gruß! Er kann mich mal am … und dabei schiebt er dann immer seinen schönen Hintern aus der Turm Luke.

 

JOHANNES

Ja, ich wollte die Bauern befreien. Vor allen Dingen wollte ich Gelehrter sein. Einer, der den Menschen das Licht der Wahrheit bringt.

 

MARIE-CHRISTIN

Das hatte allerdings einen Nachteil: Johannes entwickelte sich zu einem richtigen Träumer. Nicht nur zu Hause in seinem Zimmer, sondern auch in der Schule träumte er sich durch den Tag. Da sorgte er für manchen Lacher.

 

EDGAR

Und? Haben Sie einen solchen Lacher parat?

 

Edgar holt seine Zigarettenschachtel aus der Manteltasche. Johannes schüttelt abwehrend den Kopf.

 

EDGAR

(steckt die Schachtel weg)

Verstehe! Dabei gibt es doch nichts Schöneres als rauchend und kaffeetrinkend Geschichten zu hören. Na ja, dann nehme ich eben den Kaffee.

 

JOHANNES

Na bitte, dann nehmen Sie eben den Kaffee. Aber ich darf Sie erinnern: Es ist meine Tasse, nach der Sie gerade greifen.

 

MARIE-CHRISTIN

Natürlich! Johannes, weißt du noch Deutschunterricht bei Fräulein Müller!

 

EDGAR

Na dann, heraus mit dem Erlebnis um Fräulein Müller.

 

MARIE-CHRISTIN

Eines Tages, mitten im Unterricht, rief unsere Deutschlehrerin Fräulein Müller: „Hallo, Johannes, darf ich mal fragen, welche Prinzessin du gerade befreist?“

 

JOHANNES

(lächelt nachsichtig)

Bei einer Wirtin wundermild wurde besprochen und ich war bei einer Wirtin wundermild nämlich bei meiner Lisei aus dem Pole Poppenspäler.

 

EDGAR

Nun ja, das kann man verstehen. Fräulein Müller verstand das wohl nicht?

 

MARIE-CHRISTIN

Doch, doch, Johannes hatte einen Stein im Brett, wie man so sagt, weil er doch ein begnadeter Rezitator war. Deshalb konnte sie ihm die Träumerei leicht verzeihen.

 

EDGAR

Und weiter?

 

JOHANNES

Der Ruf hatte mich erreicht. Ich erwachte und rief dabei, noch ganz im Traum gefangen: „Lisei, Lisei, das ist des Pudels Kern!“ Die Klasse tobte vor Vergnügen.

 

MARIE-CHRISTIN

Ich stimmte nicht in den Jubel ein. 

 

JOHANNES

Wie auch? Während die anderen kaum wussten, worum es ging, wusstest du längst, was gemeint war. Weil du ebenfalls eine Leseratte warst und meine kluge Mitschülerin, die ich heimlich bewunderte und von der ich nur wusste, dass sie bei ihrer Oma lebte.

 

MARIE-CHRISTIN

In der Pause bin ich dann gleich zu dir gegangen und habe dir erzählt, wie ich mich immer wieder freute, wenn Paul seine Lisei und deren Vater aus großer Bedrängnis, ja Gefahr erlöst, sie am Ende heiratet.

 

JOHANNES

Mir wurde damals ganz schwindlig vor Freude, dass gerade du mich angesprochen hast.

 

MARIE-CHRISTIN

Und warst rot bis in die Ohrspitzen.

 

SOPHIE

Das ist echt süß!

 

JOHANNES

Deine großen, klugen Augen ruhten dabei für einen Moment in den meinen. Da spürte ich, dass gerade etwas ungeahnt Schönes vor sich ging.

 

DANIEL

Da hatte jemand eine Schlinge gelegt, aus der es seines Lebens kein Entrinnen geben würde, oder?

 

EDGAR

Ja, die Frauen. Sie sind die besseren Jäger. Nicht für den Tag wie wir Männer jagen sie, nein ihre Jagd gilt der Zukunft. Das ist ihre wahre Natur.

 

JOHANNES

(umfängt Marie-Christin)

Wie wahr, wie wahr. Ich war ihr Kaninchen und hoppelte in ihre Schlinge.

 

MARE-CHRISTIN

(unschuldig)

Ich hatte keine Schlinge gelegt. Ich wollte nur mit dir reden.

 

JOHANNES

So kann man das auch sehen und man kann sich fragen: Kann ein Kaninchen in solcher Lage glücklich sein? Ich war es und bin es noch heute. Ein glückliches Kaninchen in seiner Schlinge.

 

SOPHIE

Wie niedlich! Ein Kaninchen sitzt in der Schlinge und freut sich.

 

DANIEL

Denke nicht, dass ich ein solch glücklicher Gefangener sein will.

 

SOPHIE

(schmollt)

Weil du mich eben nicht liebst.

 

MARIE-CHRISTIN

Johannes, das mit dem Kaninchen hast du mir nie so gesagt.

 

JOHANNES

Warum sollte ich dir etwas erklären? Es lag wohl in deiner Absicht, diese Schlinge zu legen. Oder irre ich mich?

 

Edgar strahlt übers ganze Gesicht und freut sich, auf die beiden gestoßen zu sein.

 

EDGAR

(Gedanken aus dem Off)

Da habe ich zwei Menschenkinder gefunden, die eine echte, ursprüngliche und tiefe Liebe verbindet.

(laut)

Und danach, wie ging es weiter? Doch halt, ich lade Sie ein, mit mir gemeinsam einen Sekt zu trinken, da der Kaffee, er verdient die Bezeichnung nicht wirklich, durch meine Schuld erkaltet ist.

 

Edgar springt auf, erklärt, dass er mit trockener Kehle schlecht zuhören könne und eilt davon. Schnell kommt er mit fünf Gläsern Sekt zurück. Sie stoßen an.

 

JOHANNES

Wir lasen nicht nur zusammen, wir spielten in einer Laienspielgruppe und turnten in einem Sportverein. Marie-Christin natürlich in der Leistungsriege, gemeinsam mit ihrer Freundin Gudrun, die ich kennenlernte. Ich war allerdings nur ein normales Mitglied.

 

MARIE-CHRISTIN

Ich habe dich immer bewundert, wenn du deine Barrenübung vorturntest.

 

JOHANNES

Danke, danke, es bleibt jedoch, du warst in der Leistungsriege. Wir hockten beide häufig zusammen und lasen in unseren Büchern, teils in Vaters Bibliothek oder in deinem kleinen Zimmer.

 

MARIE-CHRISTIN

Die schönsten Stunden waren die, in denen wir einander vorlasen. Einmal stellten wir uns vor, wir seien Lisei und Paul. Das kam wohl daher, dass die Enge meines Zimmers, in dem wir gerade waren, an die Tonne erinnerte, in der Lisei und Paul einst übernachteten.

 

JOHANNES

Es dauert nicht lange und die weibliche List drang darauf, aus Pole Poppenspäler nicht nur zu lesen, sondern einmal Liseis Errettung aus Elend und falscher Schuld zu spielen.

 

MARIE-CHRISTIN

Du kannst das, legte ich fest und du kannst auch den Text schreiben, nur mach nicht so viele Fehler, wie im Diktat.

 

JOHANNES

Ja, so war sie zu mir. Seltsam, die Sache mit dem Diktat nahm ich dir nicht übel, sondern messe mich noch heute an deiner Strenge und habe dann, wenn erst nach Jahren, bemerkt, dass Marie-Christin von da an immer meine Hand beim Schreiben geführt hat.

 

SOPHIE

Und, schrieb er das Stück?

 

MARIE-CHRISTIN

Er schrieb eine Szene, die wir hin und wieder spielten.

 

EDGAR

Und wie lief dieses Stück ab?

 

JOHANNES

Die Handlung ist kurz erklärt: Der knabenhafte Junge, ich, verkündete, vor Lisei in die Knie sinkend, meine Liebe zu ihr und machte ihr obendrein noch einen Heiratsantrag. So etwas hatte ich ja trotz meiner Jugend oft genug gelesen.

 

MARIE-CHRISTIN

Ich ließ mir die Worte gefallen, reichte ihm huldvoll meine Hände, hob ihn zu mir auf. Johannes durfte mich auf die Wange küssen. Das war die Besiegelung eines Versprechens.

 

EDGAR

(klappt sein Notizbuch zu, zeigt auf seinen Arm)

Bei dieser Geschichte kriege ich Gänsehaut.

 

Der Aufruf zum Abflug unterbricht ihr Gespräch. Eilig nehmen sie den Weg zu ihrer Boeing 747.

 

SCHNITT 

3. SZENE 

INNEN - FLUGZEUG – TAG

 

Kaum sind sie in der Luft, sitzt Edgar Mortau auf einem freien Platz neben Johannes und Marie-Christin und lauscht dem Fortgang der Erzählung.

 

JOHANNES

Wir waren, glaube ich, zwölf oder 13 Jahre alt, da geschah etwas Unerwartetes. Ich, Paul, machte meinen Antrag wie schon so oft, wurde sanft erhoben, aber plötzlich zog ich Marie-Christin ganz fest in meine Arme und sie bot mir nicht die Wange, sondern ihre leicht geöffneten Lippen. Wir küssten uns voller Neugierde, so wie wir es jetzt tun werden.

EDGAR

Halt, halt, dies wird das Foto, das ich brauche.

 

Gern kommen Johannes und Marie-Christin dieser Aufforderung nach. Sie küssen sich. Die umsitzenden Mitreisenden jubeln lauthals.

 

JOHANNES

Einen winzigen Moment sahen wir verlegen zu. Glück strömte durch unsere Adern und ließ die Verlegenheit weichen.

 

MARIE-CHRISTIN

(lacht)

Wir lachten, ja wir lachten, wie über einen gelungenen Streich.

 

JOHANNES

Am Morgen zogst du mich hinter deine Haustür. Ich reichte dir einen Zettel, auf den ich geschrieben hatte: Du  küsstest mich, von meinem Arm umschlungen. Ich presste mich an die schwellende Brust. Und dann küssten wir uns, von Seligkeit  durchdrungen.

 

MARIE-CHRISTIN

Aber ich dichtete auch: Wir küssten uns und Nachtigallen sungen.

 

JOHANNES

Ich war selig, aber du schobst mich vor dir aus der Tür und flüstertest mir ins Ohr: Schreib es  auf, Johannes, kannst es später vielleicht noch brauchen!

 

MARIE-CHRISTIN

Dachtest du ich hätte es vergessen? Schreib es auf, Johannes, kannst es vielleicht mal  brauchen.

 

EDGAR

Dieses Gedicht müsst ihr mir nachher unbedingt aufschreiben. Es wird, das weiß ich schon  jetzt, ein roter Faden sein in meinen Geschichten.

 

Die Stewardess verteilt Getränke.

Die fünf trinken Sekt.

 

JOHANNES

Und dann kam der Sommer unseres Lebens. Der vergangene Sommer hatte mich noch als Knaben gesehen, jetzt war ich dabei, die Schwelle zu überschreiten, die mich noch vom Mann trennte.

 

MARIE-CHRISTIN

Wir waren keine Kinder mehr.

 

JOHANNES

Wenn wir zum Wasserkampf, sie auf meiner Schulter sitzend, ich mit stolz geschwellter Brust, schritten, brannten plötzlich ihre Beine wie zwei Feuerbahnen auf mir. Und zornig wurde ich, wenn sie aus dem Wasser rannte und mit wissendem Schalk in den Augen forderte: Komm doch heraus, was bist du nur langsam!

 

MARIE-CHRISTIN

Ich wusste schon, warum du im Wasser ausharrtest. So neigte sich der Sommer und die letzten Ferientage brachen an. Wir schmiedeten Pläne für eine gemeinsame Zukunft.

 

JOHANNESS

In ein paar Jahren wollten wir studieren, ich Bergbau, sie Germanistik und danach, dies bekräftigten wir einander, werden wir weitersehen und nichts anderes als Lisei und Paul sein.

 

MARIE-CHRISTIN

Eines Nachmittags nahm ich meinen Johannes, spazierte mit ihm entlang der Umzäunung des Sees und da fand ich eine offene Stelle.

 

EDGAR

Da ist sie wieder, die Jägerin und legt die Schlinge aus für ihr Kaninchen.

 

Alle freuen sich über dieses Bild, lachen.

 

MARIE-CHRISTIN

Nun ja, ich wollte eine Nacht mit ihm am See verbringen und da kam mir die Lücke im Zaun ganz recht. Passte in meinen Plan.

 

SOPHIE

Nur gut, dass Männer manchmal einen etwas längeren Leitungsweg haben.

 

JOHANNES

Das kann nicht falsch sein. Meiner muss wohl 50 Jahre lang sein. Denn erst jetzt begreife ich deinen Jubel, als du diese Stelle im Zaun bemerktest. Oder kanntest du sie etwa schon länger?

 

EDGAR

Wie ich Marie-Christin kenne, war ihr diese Stelle längst bekannt.

 

MARIE-CHRISTIN

Auf jeden Fall verließen wir am vorletzten Ferientag das Bad kurz vor der abendlichen Schließung. Am Tor schob ich meinen Johannes der Straße herunter und lief mit ihm zu der Öffnung im Zaun.

 

JOHANNES

Voller Neugierde folgte ich. Wir schlüpften zurück in die kühlen Badesachen. Wie Kinder rannten wir hinunter zum Wasser und schwammen wie Delfine, schwammen nebeneinander, tauchten und berührten uns. Erst mit einbrechender Dunkelheit stiegen wir aus dem Wasser.

 

MARIE-CHRISTIN

Wir rieben uns gegenseitig den Rücken trocken. Die Venus, die uns mit bleichem Licht begleitet hatte, tauchte unter den westlichen Horizont.

 

Der Anflug auf London beginnt.

Schnell vereinbaren sie ein weiteres Treffen.

 

SCHNITT

2. AKT

4. SZENE 

AUSSEN - FLUGHAFEN TAXISTAND - TAG

 

EDGAR

(winkt ein Taxi heran)

Also bis heute Abend 17.00 Uhr in der Old Speckled Men Bar. Wir fahren jetzt zum Hilton  Hotel Green Park. Da könnt ihr (weist auf Sophie und Daniel) einen schönen Nachmittag verbringen, während ich die Textnotizen ordne.

 

Marie-Christin winkt dem abfahrenden Taxi hinterher.

Ein älteres Pärchen (TEBAULT und JULIA WIESEN) tritt an Johannes heran.

 

ÄLTERER HERR

(stellt sich und seine Frau vor)

Sie entschuldigen bitte: Tebault Wiesen und meine Frau Julia Wiesen.

 

JOHANNES

(dankt)

Johannes Breitner, und die junge Frau, die dem Taxi nachwinkt, heißt Marie-Christin  Stübner und ist meine Jugendliebe.

 

TEBAULT

Im Flugzeug wurden wir unfreiwillig Zuhörer Ihres Gesprächs. Wir saßen in der Reihe vor Ihnen. Da ging es wohl um Shakespeare.

 

JULIA

Nun, da dachten wir, sie wollen sicher auch  zu dieser fantastischen Aufführung von  Romeo und Julia in der Originalsprache.

 

JOHANNES

Nein, das haben wir nicht geplant. Wir wollen uns Dvoraks 9. anhören. Aber haben  sie vielen Dank. Vielleicht, wenn meine Marie-Christin will, könnte ich mir vorstellen  auch ins Globe zu gehen.

 

Marie-Christin tritt näher. Sie hat die letzten Worte mitgehört.

MARIE-CHRISTIN

Natürlich, liebe Jugend-Geliebter Johannes, wenn du es möchtest, werden wir auch noch ins Globe gehen. Wir können jederzeit unsere Planung ändern.

 

TEBAULT

(reicht eine Karte)

Am Freitag 19.00 Uhr. Ich hoffe, ich darf Sie in meiner Loge begrüßen.

 

JOHANNES

Herzlichen Dank für diese überraschende Einladung. Na, dann bis Freitag 19.00 und vielen Dank auch.

 

Ein englischer Butler, der an einem in der Nähe geparkten Rolls Royce gewartet hat, bitte die Herrschaften zum Auto, öffnet die Türen und lässt einsteigen.

 

 

SCHNITT

5. SZENE 

INNEN - TAXI - TAG

 

Sie fahren vom Flughafen auf der Great West Road durch den Stadtteil Hammersmith und zum Astor Hyde Park Hotel. Während sie das flutende Leben der Hauptstadt beobachten, reflektieren sie über die gerade stattgefundene Begegnung mit dem Ehepaar Wiesen und deren Einladung ins Globe.

 

MARIE-CHRISTIN

Die Einladung finde ich nett, aber hast du bei deiner Zusage auch bedacht, dass wir nach unserer Hochzeitsnacht gleich wieder zurückfliegen müssen?

 

JOHANNES

Natürlich habe ich daran gedacht, ich freue mich über diese Planänderung, aber mehr noch über die Aussicht auf die Geschichte dieser beiden.

 

MARIE-CHRISTIN

Die Geschichte ja, oder geht es dir nicht schnell genug mit unserer Hochzeit?

 

JOHANNES

Du sagst es. Es geht mir nicht schnell genug. Mit der Hochzeit und vor allen Dingen um die darauffolgende Nacht.

 

MARIE-CHRISTIN

Wie, nur um die eine Nacht?

 

JOHANNES

Entschuldige bitte, ich dachte an all die Nächte die noch vor uns liegen.

 

MARIE-CHRISTIN

(lehnt ihren Kopf auf Johannes Schulter)

Mein lieber Johannes, im Theaterrund müssen wir schön geduldig sitzen.

 

JOHANNES

(sucht ihre Lippen und flüstert)

Ja, ja aber danach suchen wir eine Wiese im Park.

 

MARIE-CHRISTIN

Johannes, wie damals im Sommer unseres Lebens.

 

Sie küssen einander, die Stadt fliegt vorüber. Plötzlich schiebt sie ihn abrupt von sich.

  

MARIE-CHRISTIN 

Oder hast du Angst, ich könnte im letzten Moment „NEIN“ sagen?

 

JOHANNES

Ich hoffe nicht!

 

 

SCHNITT 

6. SZENE 

AUSSEN - HYDE PARK - TAG

 

 

Am Nachmittag pilgern die beiden, Hand in Hand, die Weitläufigkeit der Grünflächen bewundernd, durch den Hyde Park. Entlang des süd-östlichen Ufers des The Long Water erreichen sie bald darauf Speakers` Corner, den Ort der Redefreiheit für einen jeden Bürger.

 

JOHANNES

Hier halte ich meine Rede an Dich und die Welt. 

 

MARIE-CHRISTIN

(mahnt)

Aber halte dich bitte nicht zu lange auf. Die Nächte sind kalt, hier im Park. Außerdem:  Dvorak kann nicht warten.

 

Die erste freie Leiter gehört ihm. Er eilt auf sie zu, steigt hinauf und sieht bedeutungsvoll in die Runde. Einige Vorbeieilende bleiben stehen und sehen zu ihm auf. Unter ihnen Sophie und Daniel.

 

JOHANNES

Der Mensch ist ein Sucher. So wanderte ich, vor einige Zeit, über die Alpen nach Italien, hielt mich auf Zypern auf und reiste in das Heilige Land weiter. Das war meine Sinnsuche, die mich letztendlich in den tiefsten Urwald Venezuelas führte, in dem ich die Liebe predigend, dieselbe fand. Alles ist eine Kopfgeburt, aber mir ist, als hätte ich jeden Schritt wirklich getan.

 

ZUHÖRER

Hoch leben die Poeten. Sie sind die besseren Philosophen!

 

JOHANNES

(dankt, fährt fort)

Festgehalten habe ich diese Wanderung in einem Buch. Johannes nannte ich meinen Helden und seine Reise fiel in die Jahre 1500- 1546. Da beschreibe ich also einen Menschen, der mir selbst gleicht. Der durch seine Zeit wandert und eines Tages begreift, dass alles Streben und Suchen nur auf einen Punkt gerichtet ist: Scheue nicht die Mühen des Aufstieges, denn auf dem Gipfel angekommen, findest du, in den Strahlen der Sonne die Liebe und das Vertrauen, denn was anderes als Vertrauen ist die Liebe.

 

Beifall und Zwischenrufe.

Johannes hält inne.

 

ZUHÖRERIN

(zu ihrem Begleiter)

Um diese tiefe Liebe zu erfahren, musst du viel Geduld aufbringen.

 

IHR FREUND

Ja, das glaube ich auch. Aber dienstags und freitags, Liebling, habe ich keine Zeit auf einen Berg zu steigen. Da muss ich in meinen Club.

 

ZUHÖRER 2

Das ist ein schönes Gleichnis. Die Liebe als Lohn für einen mühsamen Weg bis zur Erfüllung.

 

SOPHIE

(zu Marie-Christin)

Das hat Johannes alles für Dich geschrieben?

 

MARIE-CHRISTIN

Ja, all die Jahre nach unserer gewaltsamen Trennung hat er gesucht nach der Wurzel unserer Liebe.

 

DANIEL

Ja, Philemon und Baucis. Das wusste ich, als ich Euch in der Abflughalle stehen sah.

 

JOHANNES

In Wahrheit suchte ich nach der Frau, die einst vor Jahren, als wir an der Schwelle zu Weib und Mann standen, mein Herz berührte. Mein Vertrauen in die Kraft der Liebe trog mich nicht, denn heute stehe ich hier und kann dies meiner Jugendliebe sagen: Marie-Christin, was anderes ist also die Liebe als Vertrauen, das Vertrauen, welches tief in uns verwurzelt ist, ja zu unserer Natur gehört!

 

Zustimmung aus den Reihen und Johannes sieht so manche Hand, die den Weg in die des Partners findet und dort von leichtem Druck empfangen wird und mancher Kopf, das sieht Johannes auch, legt sich voll Vertrauen auf kräftige Schulter.

 

JOHANNES

War es nicht Shakespeare, der Julia ihren Romeo voll Bangen fragen ließ: O, denkst du, dass je wir uns wiedersehen? Und war es nicht Romeo der sagte: Ich zweifle nicht und all dies Leid dient in Zukunft uns zu süßerem Geschwätz.

 

DRITTER BESUCHER

Ich sage, der Dichter hatte Recht, denn es war die Liebe, die Romeo diese Worte in den Mund legte.

 

JOHANNES

Und es ist die Liebe, die uns zwei Marie-Christin und Johannes hier hergeführt hat.

 

Von Beifall begleitet steigt Johannes von der Leiter und wirft sich in die Arme seiner Jugendliebe.

 

SCHNITT 

7. SZENE 

INNEN - HOTELZIMMER – ABEND

 

Als seien die 50 Jahre ihrer Trennung spurlos an ihnen vorübergegangen, erreichen sie ihr Hotel und lieben einander voller Zärtlichkeit. Romeos Text „Ich zweifle nicht und all dies Leid dient in Zukunft uns zu süßerem Geschwätz“, erfüllt sich an ihnen.

 

SCHNITT 

8. SZENE 

AUSSEN - FLUSSSCHIFF – MORGEN

 

 

Marie-Christin und Johannes kommen mit dem Taxi zum Anleger Chelsea. Sie besteigen einen Katamaran. Zwei Stunden auf der Themse durch London liegen vor ihnen.

 

MARIE-CHRISTIN

Gleich nach der Millenium Bridge werden wir Shakespeares Globe sehen. Romeo und Julia in Originalsprache. Am Sonnabend werden wir Zuschauer sein, dank der großzügigen Einladung.

 

JOHANNES

Die zweite Tochter Heinrichs des VIII, die ihm Anna Boleyn gebar, war ein Segen für die Menschheit. Als spätere Königin von England förderte sie den jungen Shakespeare, oder vielmehr, Eduard de Vere, den Earl of Oxford.

 

MARIE-CHRISTIN

Königin Elisabeth soll sogar in diesen jungen Wilden verliebt gewesen sein!

 

JOHANNES

So sagt man. Ich glaube jedoch es war die Jugend des Rebellen, die sie anzog. Aber mehr noch amüsierte sie sich über die Liebe ihres Schützlings zur Tochter ihres Kanzlers Lord Burgley, in dessen Haus er erzogen wurde.

 

MARIE-CHRISTIN 

(Lehnt sich an ihren Johannes)

Die Liebe ist der Urstoff der Menschheit, mein Johannes.

 

JOHANNES

Sie ist es und so wurde aus einer Liebelei die Geschichte um Romeo und Julia. 

 

MARIE-CHRISTIN

Übrigens sollten wir auch überlegen, in wieweit wir unsere Geschichte weiter erzählen.

 

JOHANNES

Sollten wir. Denn stell dir vor: in einigen Jahren werden Menschen. Weiblein und Männlein im Sessel sitzend, Chips kauend und Wein schlürfend unsere Geschichte sehen werden.

 

MARIE-CHRISTIN

Werden sie uns verstehen?

 

JOHANNES

Kümmert uns das? Wir leben im Hier und im Jetzt.

 

Er küsst sie.

 

MARIE-CHRISTIN

Sie werden uns verstehen, wie wir heute Romeo und Julia verstehen.

 

JOHANNES

Liebe ist zeitlos und verbindet die Generationen wie ein unsichtbares Band.

 

Sie erreichen St. Katharine's Pier und verlassen das Schiff

 

SCHNITT 

9. SZENE 

INNEN – TAXI – TAG

 

Marie-Christin und Johannes besteigen erneut ein Taxi und fahren durch die City von London.

 

MARIE-CHRISTIN

Ich glaube, Johannes, wir sollten unsere Planung nochmals ändern.

 

JOHANNES

Du meinst wegen dem Besuch in Shakespeares Globe und unserem Treffen in der Loge des Herrn Tebault Wiesen?

 

MARIE-CHRISTIN

Ja, ich möchte die zwei gern kennenlernen. Ich möchte aber auch sehr gern noch einige Tage in London bleiben.

 

JOHANNES

Wenn wir nun übermorgen nach Edinburgh fliegen, in Gretna Green heiraten und unsere Hochzeitsnacht genießen, sind wir pünktlich zur Aufführung von Romeo und Julia zurück.

 

MARIE-CHRISTIN

Die nächsten Tage werden wir dann den weiteren Sehenswürdigkeiten Londons widmen: The National Gallery/ Big Ben/ Palace of Westminster/ Westminster Cathedral…

 

JOHANNES

So wollen wir es halten, liebe Marie-Christin. Könnte es sein, dass in deinem Plan auch unser Hotelzimmer eine Rolle spielt?

 

MARIE- CHRISTIN

(lacht)

Wie, willst du heute Nacht auf der Straße schlafen?

 

SCHNITT

10. SZENE 

INNEN - OLD SPECKLED BAR - ABEND

 

Um 18.30 Uhr treffen die Protagonisten ein. Getränke werden verteilt und Johannes fährt fort mit der Geschichte vom Sommer ihres Lebens:

 

JOHANNES

Die Venus, die uns mit bleichem Licht begleitet hatte, tauchte unter den westlichen Horizont. Ich dachte an unsere Szene, aber mein Mund war mit einer eisernen Tür verschlossen.

 

MARIE- CHRISTIN

Diese Tür wollte ich öffnen. Ich erhob mich fordernd: „Komm, lass uns, wie damals, für einen Augenblick Lisei und Paul sein.“ Das Schloss war geöffnet.

 

OFF

Die Nachtigall, die trällernd ihr Weibchen besingt. Am Himmel leuchtet das Sternbild des Himmels–W, der Wegweiser.

 

MARIE-CHRISTIN

Die Liebe trumphierte, wie die Nachtigall, die ihr Lied anhob.

 

JOHANNES

Wie gebannt standen wir einander gegenüber, während unsere Sinne zur Seligkeit des Kusses drängten.

 

Danach schob mich Marie-Christin ganz sacht von sich, musterte mich und sagte …

 

MARIE-CHRISTIN

… „Michael, du musst einmal Schauspieler werden. Du kannst einen Helden, wie Perseus einer war, der die Medusa enthauptete, spielen.“

 

SOPHIE

(flüstert)

Edgar, wieso wussten die beiden um all die Gestalten aus der Literatur?

 

EDGAR

Es ist, du wirst es nicht glauben, die unergründliche Liebe, die sie dies erfahren lässt.

 

SOPHIE

(zu Edgar)

Dann hilf du mir doch dabei, diese Tiefe zu ergründen.

 

JOHANNES

Ja, und wolltest mir damit nur sagen, dass du Andromeda seiest, die ich nur erlösen muss, um sie zu gewinnen. „Und wen“, fragte ich dann lachend, „und wen, wünschst du, soll ich enthaupten?

 

MARIE-CHRISTIN

„Retten sollst du mich, wie Perseus einst Andromeda, die an den Fels geschmiedet war, vorm Opfertod bewahrte.“

 

JOHANNES

Die Feuerbahn deiner Fingerkuppen. Ich hätte schreien wollen: „Ja, ich will dich retten und fortführen in eine andere, bessere Welt.“ Wenn einer mir eine Fackel hingehalten hätte, ich hätte sie mit bloßen Fingern gelöscht und dabei vor Freude gejauchzt. Das alles spiegelte sich in meinen Augen, in die du hineinsahst wie in einen klaren Brunnen.

 

Marie-Christin

Du hattest mich verstanden, ich sah es in deinen Augen. Du warst und wolltest mein Paul sein.

 

EDGAR

In diesem Moment wart ihr auf dem Weg zu Mann und Frau.

 

JOHANNES

Ja, das waren wir, auf dem Weg zu Mann und Frau. Marie-Christin hatte meine Hände gefasst und sagte: „Michael, wir wollen hierbleiben, bis die Tagverkünderin über den Feldern singt.“

 

MARIE-CHRISTIN

Und Johannes, als hätte er die nahende Trennung erahnt, zitierte Julia: …

 

JOHANNES

… „Es tagt, es tagt! Auf, eile fort von hier. Man sagt, der Lerche Harmonie sei süß: nicht diese: sie zerreißt die unsere ja.“

 

EDGAR

Wenn ich mein Drehbuch schreibe, müsst ihr mir zur Hand gehen. So wird ein Film über die Urgründe der Liebe entstehen, der es verdient, ein Liebesfilm zu heißen.

 

DANIEL

Immanuel Kant spricht über das transzendentale Ideal und meint damit das Prinzip aller Ideale: Gott also, also die Liebe!

 

SOPHIE

Ein Hoch auf meinen klugen Lehrer!

Ein Hoch auch auf die Liebe und unsere beiden Liebenden!

 

EDGAR

Was soll der ideale Kant mit seinen hohen Ideen von Gott und der Liebe? Schopenhauer könnte versucht sein zu sagen: Marie-Christin folgt ihrem Urinstinkt und nichts anderes.

 

MARIE-CHRISTIN

Schopenhauer war in seinem frauenfeindlichen Denken vor allem dadurch geprägt, dass er sich in seinem Geschlechtstrieb mit einem Frauchen einließ, das ihn mit der Syphilis ansteckte.

 

SOPHIE

Da führt Schuberts Werk uns zu anderer Betrachtung. Er war auch geschlechtskrank, aber seine Stücke „Der Tod und das Mädchen“ sind und bleiben Zeugnisse großer Menschenliebe.

 

MARIE-CHRISTIN

An dieser Stelle unserer Geschichte möchte ich einen Perspektivwechsel vorschlagen.

 

EDGAR

Bitte tu dies. Wir sind gespannt.

 

MARIE- CHRISTIN

Wir lagen eng umschlungen und küssten einander, kaum dass wir atmen konnten.

 

JOHANNES

Ich konnte mein Glück kaum fassen. Wollte Marie-Christin wirklich die Nacht mit mir verbringen?

 

MARIE-CHRISTIN

„Es ist der Sommer unseres Lebens und es soll diese Nacht die Nacht unseres Lebens sein.

 

SOPHIE

Das ist so romantisch, dass mir die Tränen der Rührung kommen.

 

DANIEL

Tränen, das ist arg antiquiert.

 

EDGAR

Ich glaube, ihr zwei seid irgendwie aus der Zeit gefallen.

Also, hört auf mit euren ständigen Unterbrechungen.

 

MARIE-CHRISTIN

Ich wollte, wenn die Tagverkünderin ihren Gesang erhebt, als Frau in seinen Armen liegen.

Unsere Hände wanderten über Rücken und Brust hin zu den Orten des menschlichen Körpers, von denen Ovid meinte, dass man sie mit Geduld und Gefühl für das Kommende bereiten solle. Wir genossen dieses unruhige Spiel der Hände, die unseren Körper küssten, an Stellen, die bislang nur einem jeden von selbst gehört hatten.

 

JOHANNES

(legt eine Hand auf ihren Arm, um sie zu streicheln)

Darf ich auch.

Marie-Christin war der Steuermann und ich muss sagen, ich folgte ihr willig.

 

EDGAR

Nicht nur damals, sonst säßest du heute nicht hier.

 

MARIE-CHRISTIN

Ja, ich war der Steuermann und um bei seinem Vergleich zu bleiben: Er war die Mannschaft, die mir willig folgte.

 

SOPHIE

Soviel modernes Frauenbild. Vor all den Jahren?

 

DANIEL

Was glaubst du wohl, wie viele Frauen als Steuerfrauen Weltgeschichte schrieben?

 

EDGAR

Sie hat ja noch einige Semester Zeit, dies zu begreifen.

 

JOHANNES

„Nicht so hastig,“ mahnte sie mich. Ich muss zugeben, ich war leicht überfordert, und sie erinnerte an die Ars amatoria: Unnötiger Eifer, mein lieber Junge, steht der Erfüllung der Liebesglut entgegen. Wird zum Wasserguss, der das große Feuer löscht. Dann stand sie vor mir im bleichen Licht des Mondes. Wie Venus selbst, von der Hand eines Künstlers aus kalt schimmerndem Marmor geformt und voller Feuer entfachender Glut.

 

MARIE-CHRISTIN

Fassungslos stammelte Johannes: „Mein Gott, mein Gott. Bist du ein Geschöpf Gottes oder bist du eine Fee, die mich verzaubert?“ „Ja, das bin ich und ich will dich verzaubern,“ antwortete ich. „Doch bedenke, auch ich will in dieser Stunde verzaubert sein. So sind wir beide Zauberer und Zauberlehrlinge zugleich.“

 

JOHANNES

Ich reagierte wie ein Jüngling, der einen feuchten Traum durchlebt.

 

MARIE-CHRISTIN

Der feuchte Traum war vergessen. Wir taten, was die Liebe befahl. Später lagen wir, zwei ineinander verschmolzene Leiber, unter der Weite des Himmels und dem Strahlen der Unendlichkeit. Der laue Nachtwind küsste meine Haut, die tastenden Hände taten es ihm gleich. Die Zeit stand still.

 

 

Johannes greift zum Glas, erhebt es und bittet, es ihm gleichzutun. Sie stoßen an und während Sophie sprachlos dem gehörten nachlauscht, ruft Edgar voll Begeisterung:

 

EDGAR

Wenn ich mein Drehbuch schreibe, müsst ihr mir zur Hand gehen. So kann ich sicher sein, einen Film über die Urgründe der Liebe zu schaffen, der es verdient, ein Liebesfilm zu heißen.

 

DANIEL

Seht mal auf die Uhr. Wenn wir das Konzert nicht verpassen wollen, sollten wir gehen.

 

EDGAR

Die Spannung in eurem Erleben ist so stark, dass es mir schwerfällt unser Gespräch zu unterbrechen.

 

JOHANNES

Die Musik Dvoraks ist von ebensolcher Spannung geprägt. Bestimmt von der Suche nach Freiheit. In seinem Fall sind es die Ufer Amerikas, die seine Seele schwingen lassen und in unserem ist es die Vereinigung nach 50 Jahren.

 

 

SCHNITT

11. SZENE 

INNEN - KONZERTSAAL - ABEND

 

Gemeinsam geht die kleine Gruppe zu ihren Plätzen und versinkt bald darauf in den Tönen der 9. Symphonie Dvoraks.

Von Gefühlen übermannt umarmt Marie-Christin während des Largos im zweiten Satz ihren Johannes, hält seine Hand, bis sie den Konzertsaal verlassen.

 

SCHNITT

12. SZENE 

INNEN - GANG – ABEND

 

In der Pause.

 

MARIE-CHRISTIN

Nie wieder wollen wir auseinander gehen.

 

JOHANNES

Gudrun konnte uns trennen, aber unsere Liebe hat uns zusammengeführt. Wer sollte uns trennen?

 

MARIE-CHRISTIN

1968 war ich schon einmal in diesem Tempel der Musik zu Pink Floyds Konzert “A Saucerful of Secrets“ – eine Schale voller Geheimnisse.

 

JOHANNES

Du warst auf der anderen Seite der Mauer angekommen, Diplomatentochter, konntest einfach so nach London fliegen. Sicher mit einem Diplomatensöhnchen an der Seite.

 

MARIE-CHRISTIN

Bist du etwa eifersüchtig?

 

JOHANNES

Nein. Ich hatte ja die Aufgabe, den Sozialismus gegen die westliche Unkultur zu verteidigen. Vielleicht hatte ich gerade Wachdienst. Stand sozusagen Wache, während du auf den Kanonendonner hörtest, den die Band losließ.

 

MARIE-CHRISTIN

Woher weißt du das mit dem Kanonendonner?

 

JOHANNES

Fernsehen vom Klassenfeind! In der Kaserne der NVA. Wenn auch unter abenteuerlichsten  Bedingungen. Samstagnachmittag Beatclub. Das musste einfach sein. Da gab es eine  Übertragung und die sah ich damals.

 

EDGAR

(mischt sich ein)

Da hätte ja die NATO den Warschauer Vertrag aushebeln können.  Eine verpasste Gelegenheit.

 

MARIE-CHRISTIN

Und der Titel “Remember a Day“, hast du den auch gehört?

Meine Sehnsucht nach dir übermannte mich und ich war fest entschlossen dich anzurufen. Ich wollte deine Stimme hören.

 

JOHANNES

Leider, leider war ich verhindert.

 

EDGAR

Dem Himmel sei Dank, sonst gäbe es eure Geschichte nicht.

 

 

SCHNITT 

3. Akt

13. SZENE 

AUSSEN – STADT - VORMITTAG

 

Am anderen Morgen besichtigen Marie-Christin und Johannes den Tower, essen „Fish and Chips“, bummeln Arm in Arm durch die Innenstadt. Marie-Christin sieht in einem vorbeifahrenden Sightseeing-Bus ein sich heftig küssendes Liebespaar.

 

MARIE-CHRISTIN

Sieh mal Johannes: Sind das nicht Edgar und Sophie, die beiden, die sich so heftig küssen?

 

JOHANNES

Wo denn?

 

MARIE-CHRISTIN

Da, im Bus. Schade, jetzt ist er abgebogen.

 

JOHANNES

Du hast dich sicher geirrt. Sophie liebt ihren Daniel, davon bin ich überzeugt und außerdem will sie ja auch ihre Prüfungen bestehen.

 

MARIE-CHRISTIN

Gerade deshalb glaube ich das sie es war. Das Verhältnis zu Daniel ist nur ein Beweis für ihren Leichtsinn.

 

Johannes

Vielleicht ist sie einfach nur jung. 

 

Marie-Christin drückt Johannes Hand, die er in die ihre geschoben hatte und blickt nachdenklich dem Bus hinterher.

Würde ihre Liebe allen Anfechtungen widerstehen?

 

SCHNITT

14. SZENE 

INNEN – RESTAURANT – TAG

 

Am Nachmittag treffen sie sich wieder mit Edgar, Sophie und Daniel. Dieses Mal in einem Restaurant in der City. Edgar macht sich von Johannes‘ Erzählung Notizen. Marie-Christin merkt, dass Sophie immer wieder heimlich ihre Hand unter dem Tisch auf Edgars Knie legt. Daniel trinkt viel zu viel.

 

JOHANNES

Plötzlich schob sich ein Misston in unsere Welt. Er kam näher und näher, übertönte den Gesang der Nachtigall, bog ab von der Straße, holperte über den ausgefahrenen Feldweg und hielt mit Sirenengeheul. Ein Polizeiwagen stand am Tor zum See. Antworten konnte ich Marie-Christin nicht mehr. Der herbeieilende Bademeister öffnete das Tor und der Wagen fuhr auf die Wiese, beleuchtete von dort aus suchend die Wasserfläche und das Gelände. Wir hielten einander fest umschlungen. Ich spürte ihren zitternden Körper und war, ein Held wie ich war, den Tränen nah.

 

MARIE-CHRISTIN

Die Trennung ging ganz schnell vonstatten. Mein Vater packte mich am Arm und zerrte mich voller Wut zum Auto. Noch einmal rief ich: „Auf Wiedersehen, Paul, und vergiss nicht, du musst mich retten!“ Dann fuhr der Wagen davon.

 

JOHANNES

Ich musste beim Abschnittsbevollmächtigten der Schutzpolizei meine Personalien angeben und durfte dann mit beiden Fahrrädern, durch die stockdunkle Nacht, nach Hause schleichen. Hatte ich überhaupt geschlafen? Ich weiß es nicht mehr. Nur, dass ich am darauffolgenden Tag ihre Wohnung leer und verlassen vorfand. Möbelpacker schleppten die Wohnungseinrichtung heraus und verluden sie.

 

MARIE-CHRISTIN

Noch in der Nacht waren wir nach Berlin aufgebrochen.

 

JOHANNES

Mein Herz brannte. Ich zwängte mich zwischen den Männern hindurch und lief in Marie-Christins Kinderzimmer. Alles war vorbei. Im Hausflur öffnete sich die Tür im ersten Stock und die Munkin, wie wir sie nach der Mutter vom Kohlen-Munk-Peter aus dem Märchen „Das Kalte Herz“ nannten, und die eigentlich Fräulein Liesbeth Müller hieß, reichte mir durch die Tür unsere alte Ausgabe vom Pole Poppenspäler.„Du sollst es stets behalten“, sagte sie voller Mitleid, „und deine Lisei nicht vergessen.“

Ich wankte aus dem Haus, lehnte mich an irgendeinen Zaun, ließ meinen Tränen freien Lauf und presste dabei ihren Theodor Storm, in dem wir so oft gelesen hatten, an mich.

Erst viel später fand ich mich in meinem Zimmer, unter ihrem Bild, der Blaue See. Ich blätterte, suchte nach einer verborgenen Nachricht und fand – nichts. Erneut begann ich meine verzweifelte Suche und, gerade als ich das Buch weglegen wollte, fand ich, eingeklebt zwischen zwei Seiten ihre Nachricht.

 

MARIE-CHRISTIN 

„Lieber Johannes“, hatte ich in aller Eile

geschrieben, „ich wollte mit dir am See

bleiben, bis die Tagverkünderin anschlägt und

dann wollte ich dir sagen, dass ich fort muss.

Fort mit meinen Eltern, die eine neue Aufgabe

im fernen Bolivien übernehmen müssen. So, jetzt

weißt du es. Und du weißt auch, was ich dir am

See sagte: Sei mein Paul und rette mich.

 

In Liebe Marie-Christin

 

PS: Lies bitte auch das kleine Gedicht, es ist

nur für meinen Paul. Ich wollt dich küssen, von

deinem Arm umschlungen. Ich wollt an meine

Brust dich drücken. Wir wollten uns lieben,

wenn Nachtigallen sungen.“

 

JOHANNES

Nachdem ich dies gelesen hatte, fragte ich mich, wie Julia einst ihren Romeo gefragt hatte: „O denkst du, dass je wir uns wiedersehen?“ Und antwortete für mich, wie es Romeo von der Liebe Schwingen getragen seiner Julia sagte: „Ich zweifle nicht und all dies Leid dient in Zukunft uns zu süßerem Geschwätz.“

 

SOPHIE

Wie recht wir damals hatten und wie sich alles ineinanderfügt. Die Liebe unserer Altvorderen und das Erleben einer Jugendliebe.

 

DANIEL

Davon könnt ihr Studenten von heute euch eine Scheibe abschneiden, wie man heute so flapsig sagt. Denn ihr könnt nicht annähernd ermessen, welche Tiefe des Gefühls hier offenbar wird.

 

MARIE-CHRISTIN

(leise)

Johannes, hörst du wie der lallt?

 

JOHANNES

Warum wohl?

 

MARIE-CHRISTIN

Der bedauert sich. Sieh nur, wie Sophies Augen und Hände wandern, verträumt die einen und fest zupackend die anderen.

 

EDGAR

(in die Runde)

Sophie, es ist, du wirst es nicht glauben, die unergründliche Liebe, die sie dies erfahren lässt.

 

SOPHIE

Dann hilf du mir doch, diese unergründliche Liebe zu ergründen.

 

Daniel ist der hilflose Beobachter der Schamlosigkeit.

 

DANIEL

(mit schwerer Zunge)

Wie lässt Shakespeare seinen Horatio im Hamlet sagen: „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden als in unserer Philosophie geträumt werden.“

 

Sein Kopf sinkt vornüber.

 

SOPHIE

Ach, dieser alte Shakespeare, mit all seinen Weisheiten über Himmel und Erde.

 

EDGAR

Das ist das Unergründliche, das Apriori, wie es Kant sagt. Die Liebe ist ein Schmetterling in der Lust des Sommers.

 

SOPHIE

Oh ja, Schmetterlinge im Bauch, die spüre ich, wenn ich in deine Augen, mein lieber Daniel, schaue.

 

DANIEL

Lügnerin, schamlose. Du meinst nicht mich, sondern das tiefgründige Funkeln in den Augen des Stückeschreibers.

 

EDGAR

Aber wie trat deine spätere Frau in dein Leben, nachdem Marie-Christin für dich unerreichbar war?

 

JOHANNES

Ich war allein. Geblieben waren die wenigen Zeilen und die Erinnerungen an jenen Tag und die besondere Nacht, die darauffolgte. Den Sommer des nächsten Jahres verbrachte ich fast jeden Tag an unserem See. Ich ging nicht mehr zu unserem alten Liegeplatz, den hatten übrigens jüngere Mädchen und Jungen übernommen. Nur ein Buch war mein ständiger Begleiter: Pole Poppenspäler von Theodor Storm. Lisei und Paul mitsamt der Nachricht von Marie-Christin. Als Kopfkissen legte ich es auf meine Decke und träumte mich in vergangene Tage. Oft schwamm ich über den See, ließ mich in Rückenlage, die Wolken über mir betrachtend, treiben und spürte, dass allein mein Körper im Wasser lag, mein Ich hingegen in der Welt nach Marie-Christin suchte. Voll Sehnsucht, aber mit noch mehr Wehmut sah ich hinüber zu der Stelle, an der wir miteinander glücklich waren, den Sommer unseres Lebens erfuhren.

 

EDGAR

(ungeduldig)

Aber du bliebst doch nicht allein und einsam. Ein junger Mann, wie du?

 

SOPHIE

Das kann ich mir auch nicht richtig vorstellen.

 

JOHANNES

Eines Tages fiel ein Schatten auf mich, beendete meinen Tagtraum. Ich riss die Augen auf. War Marie-Christin zurück? Vor mir stand ein schlankes Mädchen – Marie-Christins Freundin Gudrun. Da stand sie plötzlich vor mir, die abendliche Sonne im Rücken und reichte mir, ich streckte ihr die meine entgegen, ihre Hand.

 

EDGAR

Johannes, das verlassene Füllen.

 

JOHANNES

Gudrun, die mich wie ein verlassenes Füllen angenommen hatte. Immer öfter begegneten wir einander, stand sie in den Hofpausen neben mir und wartete geduldig, bis ich sie ansprach. Sie war eine Schönheit, eine Rose, die sich entfaltete. Sie hätte alle Jungs haben könne, warum also stand sie plötzlich an meiner Seite, immer in ausgesuchter Kleidung und alles roch nach West-Seife? Zuerst waren es Bücher, die sie bei mir auslieh, dann kamen Besuche bei mir, wegen einiger Prüfungsfragen. Dass sie wegen mir kommen könnte, wollte mir nicht aufgehen.

 

SOPHIE

Ihr kanntet euch untereinander?

 

JOHANNES

Sie und Marie-Christin waren zusammen aufgewachsen und turnten gemeinsam im selben Sportverein. Was ich erst Jahre später erfuhr war der Umstand, dass sie beide für mich schwärmten, der ich ja auch in diesem Verein Mitglied war. Nur war ich es nicht wegen des Turnens, sondern wegen Marie-Christin. Diese Tatsache verband uns drei.

 

DANIEL

Geschickt, geschickt.

 

EDGAR

Ein Drama und alle Folgen. Das wird ein Film!!!

 

JOHANNES

Im nächsten Sommer lag sie neben mir und auch eine Nacht am See folgte. Geschickt, wie Marie-Christin, baute sie mich auf, managte mein Leben, half mir, meinen Verlust zu verdrängen. Sie führte von Anfang an Regie, was mir sehr entgegenkam. Dabei lebte sie ihr eigenes kapriziöses Leben. Es kümmerte sie nicht, dass sie mich nach und nach dabei aus ihrem eigenen Leben entließ. Nach Armee und Studium arbeitete ich als Ingenieur in einem Tagebau.

 

EDGAR

Eine tolle DDR-Biografie. Wie aus dem Bilderbuch.

 

JOHANNES

Ja, ein echtes Stück aus dem DDR–Alltag. Da ich mich von der Politik nicht vereinnahmen lassen wollte, brach ich meine Kariere ab, verließ meinen geliebten Beruf und begann von vorn, indem ich den Betrieb meines verstorbenen Vaters übernahm. Auch jetzt stand Gudrun zu mir und als sie mir ihre Schwangerschaft verkündete, heirateten wir.

 

Alles wäre gut gewesen, wenn ich sie nur so hätte lieben können, wie einst Marie-Christin, die ich nicht aus meinem Gedächtnis streichen konnte. Als Mädchen hat sie mein Herz berührt ich konnte den Sommer unseres Lebens nicht vergessen. Nachts träumte ich dann oft von unserem gemeinsamen Leben.

Ein immer wiederkehrender Traum: Wir zwei befinden uns in einem großen Konzertsaal und die Musik umhüllt uns wie ein Mantel. Dann schwindet die Umhüllung ganz allmählich, wie eine Nacht, die dem Tag weicht. Der Himmel weitet sich und wir laufen Hand in Hand um unseren See. Später wandelt sich das Bild. Wir sind in Marie-Christins Wohnung, gehen in das Zimmer unserer Kinder und küssen sie sehr innig und immer, wenn sie wieder in ihren Bettchen liegen, verschwimmen die Bilder. Ein Nebel nimmt mir Marie-Christin und mit einem Druck auf dem Herzen wache ich auf.

Nach diesen Träumen fühlte ich mich stets schuldig, verschwieg sie Gudrun gegenüber und deshalb versuchte ich alles Unangenehme aus dem Weg zu räumen. Unser zweites Kind kam und alles schien, ja es schien nur so, perfekt.

 

MARIE-CHRISTIN

(hört in sich hinein, wendet ihren Kopf zu Edgar und Sophie)

Lieben wir einander, weil sich unsere Seelen vereinen wollen, oder lieben wir eine Vorstellung, die nur in unseren Hirnen existiert?

 

SCHNITT

15. Szene

RÜCKBLENDE

 

Während Marie-Christins Hand auf Michaels Arm liegt und ihn streichelnd auf und ab wandert, gleiten ihre Gedanken zurück in die Zeit nach der Trennung von Michael.

 

SPRECHER/SZENE

Was war damals mit ihr geschehen? Sie hatte doch ihren Michael geliebt, tief und innig. Hatte heimlich Briefe geschrieben, um diese zu tarnen immer an ihre Freundin. Nie war Antwort gekommen, von Gudrun ja, aber von ihm nie. Irgendwann wurde die Flamme kleiner und ihr zukünftiger Mann warb, von seinen und von ihren Eltern unterstützt, oder vielmehr angefeuert, um sie. Sie war jung und voller Sehnsucht. Sie wehrte sich, oder war es ihre Seele?

Dann kam die Wanderung mit ihm in die Berge. Die Glut der Mittagssonne sollte im Schatten einer Baumgruppe, die den Rand eines glasklaren Bergsees säumte, abgewartet werden. Da hatte sie sich ausgezogen und war, seine warnenden Rufe missachtend, in das eisige Wasser gestiegen. Sie konnte die Mahnungen nicht hören, denn sie war weit weg, am See ihrer Jugend und so schwamm sie weiter und weiter, breitete ihre Arme aus und schwamm hinüber zum anderen Ufer. Auf dem Rückweg spürte sie plötzlich ihren Körper. Ihre Waden verkrampften und machten das Schwimmen unmöglich. Sie ruderte und schlug um sich, schluckte Wasser. Plötzlich wurde sie von starken Armen auf den Rücken gedreht, zwei Hände fassten unter ihr Kinn und schleppten sie zum Ufer. MARIO legte sie auf die Decke und hüllte ihren nackten Körper darin ein. „Du hast mich gerettet“, kam es flüsternd über ihre Lippen.

Mit diesen Worten zerbrach Marie-Christin ihren Schutzdamm, den ihre Liebe zu Michael um sie her errichtet hatte. Ihre Jugend und dieses Gefühl, gerettet worden zu sein, ließ sie ihre Arme um Marios Hals legen. Die schützende Decke glitt nach beiden Seiten und Mario versank in der verzaubernden Nacktheit des jungen Mädchens.

 

Marie-Christin wischt ihre Erinnerung mit einer Handbewegung über ihre Stirn fort.

 

MARIE-CHRISTIN

Für heute sollten wir die Reise in die Urzeit beenden. Oder wollen wir auch noch die Nacht in der Bar verbringen?

 

SOPHIE

Oh nein, wir sollten unbedingt ins Hotel fahren.

 

Stößt ihren schlummernden Daniel an.

 

 

Edgar

Nun dann wollen wir einen Traum Wirklichkeit werden lassen.

 

MARIE-CHRISTIN

Komm mein Johannes, auch wir wollen einen Traum Wirklichkeit werden lassen.

 

JOHANNES

Bis morgen im Pub unseres Hotels. Die Zeit legen wir noch fest.

 

 

SCHNITT

16. Szene 

INNEN – HILTON HOTEL GREEN PARK - NACHT

 

 

Voller Ungeduld lädt Sophie ihren trunkenen Daniel im Zimmer des Hotels ab, duscht und zieht einen reizenden roten Fummel über, der mehr zeigt, als er verdecken soll. Darüber wirft sie einen Mantel und fährt hinauf in Edgars Zimmer. Sie klopft und tritt ein. Dabei wirft sie ihren Mantel ab und wirft sich dem Mann in die kräftigen Arme. Ihre Gier lässt ihnen keine Zeit für einen zärtlichen Kuss.

 

SCHNITT

17. SZENE

 

INNEN - BAR – SPÄTER NACHMITTAG

 

Am Abend kommt es zu einem erneuten Treffen Edgars, Sophies und Daniels mit Johannes und Marie-Christin, denn Edgar will unbedingt die Lovestory der beiden als jeweiligen Cliffhanger in seinem geplanten Drehbuch einarbeiten. Johannes erzählt bereitwillig seine Geschichte weiter.

 

DANIEL

Eudämonie: Die Lehre vom gelingenden Leben.

 

SOPHIE

Schon wieder der alte Grieche Aristoteles.

 

DANIEL

Na gut, das weißt du wenigstens. Aber hast du auch verstanden, was er damit meint?

 

SOPHIE

Er meint: In Übereinstimmung mit seinem wahren Selbst zu leben.

 

JOHANNES

(kommentiert leise)

Bei manchem Menschen ist die Gier das wahre SELBST, da hat sie recht.

(sagt laut)

Leider hat man in späterer Zeit fälschlicherweise die Übersetzung gefälscht und spricht nun vom Glück und vom glücklich sein.

 

DANIEL

Schopenhauer hat es als Weg zu dem, was man ist, und nicht zu dem, was man hat, bezeichnet.

 

MARIE-CHRISTIN

(gibt Edgar ein Zeichen)

Wir sollten vielleicht an der Bar etwas Entspannung suchen, während die Drei über Glück und Unglück, über Sein und Haben diskutieren.

 

EDGAR

Ja, ich könnte mal eine kleine Pause gebrauchen.

 

MARIE-CHRISTIN

Eine Pause wird das nicht. Ich muss noch einiges über meinen Johannes berichten, so dass er besser zu verstehen ist.

 

An der Bar unterhalten sich Marie-Christin und Edgar zu zweit weiter.

 

MARIE-CHRISTIN

Bisher müssen Sie den Eindruck haben, Johannes sei ein Mensch, der unbedingt einer Führung bedarf, ein Mensch, der sich gern leiten lässt.

 

EDGAR

Die bisherigen Ereignisse lassen diesen Eindruck entstehen.

 

MARIE-CHRISTIN

Das scheint nur so zu sein. Dazu will ich zwei Beispiele aus unserem Schulalltag erzählen. Einmal, wir waren in der vierten Klasse und Michael träumte gerade wieder, trat ein hoher Beamter des Kreisrates, er war der Vater eines unserer Mitschüler, in den Raum und erklärte, dass Michael der Schule verwiesen werden sollte, da er ständig den Unterricht störe und auch sonst nicht den sozialistischen Anforderungen des Schulalltages gerecht würde.

 

EDGAR

Das ist eine starke Anschuldigung.

 

MARIE-CHRISTIN

Das war so.

Wir alle staunten, bis auf einen, das war Johannes. Der hörte zu, schwieg, dann stand er auf, nahm seinen Ranzen und ging, ohne sich umzusehen, aus der Klasse. „Johannes“, rief unsere Frau Müller, du kannst doch nicht einfach den Unterricht verlassen.“ Wir alle hörten noch, wie Michael rief: „Das werden wir doch sehen, wer hier wohin geht. Ich habe nicht gestört und lügen, das mache ich gleich gar nicht.“ Dann war er verschwunden, genau wie der Bildungsbeamte.

 

EDGAR

Langsam zeigt sich mir der starke Johannes.

 

MARIE-CHRISTIN

Johannes hatte einen starken Vater, der im Krieg so einiges erlebt hatte. Am anderen Tag jedenfalls saß er wieder in seiner Bank und träumte wortlos vor sich hin, als sei nichts gewesen. In der Pause ging ich zu ihm. Ich wollte wissen, was denn war. „Marie-Christin, ich störe doch nicht im Unterricht, das weißt du und ich weiß nicht, was Bernd seinem Vater erzählt hat,“ antwortete er mir und fuhr fort „zuerst wollte uns die Sekretärin des Schuldirektors abwimmeln, obwohl der Direktor in seinem Zimmer war. Mein Vater trat einfach ein. Die Luft schwang und wenig später wurde er vom Direktor verabschiedet, der zu mir sagte: “Michael, du bleibst in unserer Schule.“ Ich dankte höflich, mein Vater nahm mich an der Hand und glücklich, wie noch nie in meinem Leben, ging ich mit ihm nach Hause.

 

EDGAR

Der Vorhang hebt sich und zeigt mir den heranwachsenden Johannes im Licht seines starken Vaters.

 

MARIE-CHRISTIN

Ich bin mir sicher, dass ich genau so glücklich war wie Johannes. Dieses Erlebnis hat ihn geformt für sein Leben und so ist er auch heute noch, für alles hat er Verständnis, nur  Ungerechtigkeiten bringen ihn auf den Plan, die verzeiht er nicht.

 

Sie nippen beide an ihrem Drink.

 

EDGAR

Jetzt bin ich auf die weitere Geschichte gespannt.

 

MARIE-CHRISTIN

Die ist nicht weniger wichtig, um ihn zu verstehen. Wir hatte noch ein Fräulein Lehrerin  mit Spitznamen ‚Toi, toi, toi‘.

 

EDGAR

Toi,toi, toi – das musst du mir erklären.

 

MARIE-CHRISTIN

Das ist ganz einfach: Dieses Fräulein wurde von den oberen Klassen so genannt, weil sie so stolz auf ihre Jungfräulichkeit war. Das sollte so bleiben, woraus sie kein Geheimnis machte und aus diesem Grund riefen die oberen Klassen ‚Fräulein Toi, toi, toi!

 

EDGAR

Den Namen hat sie sich zu Recht erworben.

 

MARIE-CHRISTIN

Diese Dame also machte einmal während des Unterrichts eine sehr abfällige Bemerkung über Handwerker. Die verbat sich Johannes in sehr höflicher Form. „Ach so“, sagte sie darauf, „Ihr Vater ist ja der dreckige Reifenmann!“ Da hob sich Michael zu seinen inzwischen angewachsenen muskulösen 1,81m aus der Bank und sagte: „Liebes Fräulein Hanusch, wenn Sie das jetzt nicht zurücknehmen, hole ich den Direktor, vielleicht hilft Ihnen das zu begreifen, welche Beleidigung Sie gerade von sich gegeben haben“.

 

EDGAR

Auf diesen Sohn konnte der Vater mit Recht stolz sein.

Und, hat sie sich entschuldigt?

 

MARIE-CHRISTIN

Sie hat, denn Johannes ging langsamen Schrittes zur Tür. Da gab sie nach und entschuldigte sich bei ihm und bei uns allen.

 

Ihr Drink erfüllt seine Aufgabe. Wie ein Katalysator hat er die Erzählung befeuert und ist, als diese zum Ende kommt, leer. Edgar weiß nun wichtiges über den Charakter von Johannes und sie schlendern zum Tisch zurück.

 

JOHANNES

Hoffentlich hast du mich nicht gänzlich entblättert und meine Nischen freigelegt, in die ich mich so gern zurückziehe.

 

EDGAR

Nein nein, einige Blätter verblieben, so dass ich gespannt bin, wie eure Geschichte weitergeht.

 

MARIE-CHRISTIN

Nun sollten wir aber die Reise in die Urzeit beenden. Oder wollen wir die Nacht auch noch in der Bar verbringen?

Sie brechen auf. Johannes und Marie-Christin fahren zurück in ihr Hotel. Marie-Christin will Gedanken ordnen, schlüpft in ihre Sportsachen, joggt durch das nächtliche London. Johannes zieht seine Bahnen in der Schwimmhalle. Daniel liegt volltrunken in seinem Hotelzimmer.

 

SCHNITT

18. SZENE 

INNEN – HOTELZIMMER – ABEND

 

Während Johannes und Marie-Christin ihre Zweisamkeit im Hotel genießen, packt Sophie, während Daniel unter der Dusche steht und dabei Walther von der Vogelweide zitiert, ihre Reisetasche und verlässt das Hotel, um mit Edgar ein neues Leben zu beginnen. Sie hat das Leben mit ihrem Dozenten satt. Sie will endlich an der Seite eines erfolgreichen Mannes leben.

 

SCHNITT 

19. Szene 

AUSSEN – STRASSE - NEONLICHT

 

Im Neonlicht laufend fällt Marie-Christin das Gedicht ein, welches Johannes einst vor vielen Jahren für sie geschrieben hatte. Sie hält mitten auf der Kensington Road, als sei sie allein, im Laufen inne.

MARIE-CHRISTIN

Du küsstest mich, von meinem Arm umschlungen. Ich presste mich an die schwellende Brust. Wir küssten uns von Seligkeit durchdrungen. Wir küssten uns, die Nachtigallen sungen.

 

DER ALTE MANN hört zu.

 

DER ALTE MANN

Das war aber ein schöner Shakespeare!

 

MARIE-CHRISTIN

Nein, ganz sicher nicht! Es ist ein echter Johannes.

 

DER ALTE MANN

Und warum sind Sie dann so allein?

Wo ist dieser Johannes jetzt?

 

MARIE-CHRISTIN

Er ist hier, gleich um die Ecke, aber ich suche trotzdem nach ihm.

 

DER ALTE MANN

Ein Mann, der solche Zeilen schreibt, liebt mit dem Herzen. Das ihre drängt ihm entgegen, es hat ihn bereits gefunden.

 

Geht ab als sei er nie dagewesen.

 

MARIE-CHRISTIN

Gibt es das? Es ist, als hätte es den Seher nie

gegeben.

 

 

SCHNITT

4. AKT

20. SZENE

INNEN – FLUGPLATZ – TAG

 

Johannes betritt die Abflughalle, sieht sich suchend um und entdeckt schließlich Sophie und Edgar. Langsam schlendert er zwischen den Reisenden hinüber zu ihrem Tisch, an dem die beiden in ein anstrengendes, die Gesichter verraten es, Gespräch vertieft sind. Er bleibt stehen, wendet sich ab, aber die Stimmen erreichen doch sein Ohr.

 

SOPHIE

Können wir nun nach LA fliegen?

Du hast mir eine Hauptrolle versprochen!

 

EDGAR

Vergangene Nacht, Baby, das war deine Hauptrolle und ich muss sagen, du hast sie mit Bravour gespielt.

 

Winkt ab. Klappt seinen Laptop auf und zu.

 

SOPHIE

Du Lügner!

 

EDGAR

Das mit der Filmrolle, das hast du doch nicht etwa geglaubt?  Oder etwa doch?

 

SOPHIE

Feiger Lügner!

 

EDGAR

Die Branche ist hart und Schauspielerinnen gibt es in LA wie Sand am Meer. Da muss ich keine importieren! Sorry!

 

SOPHIE

Du Mistkerl!!!

Und wegen dir habe ich meinen Daniel verlassen. Ich könnte dich umbringen.

 

EDGAR

Bravo! Bravo! Das ist die erste echte Regung, die ich an dir bemerke. Aber lass es. Du würdest nur den Rest deiner Tage im Knast verbringen.

 

SOPHIE

Und wenn schon!

 

Rennt zum Schalter nach Sydney, an dem Daniel geduldig wartet.

 

EDGAR

Ja, lass dich nur nicht aufhalten.

 

Edgar richtet einen umgeworfenen Sessel auf, entdeckt Johannes.

 

EDGAR

Habt ihr zwei alles mitgehört?

 

JOHANNES

Nein, außerdem ist meine Marie-Christin in die Stadt gegangen. Sie will den Rest unserer Geschichte nicht mitanhören. Akteur gewesen zu sein ist ihr schon belastend genug. Außerdem wollte sie einer erneuten Begegnung mit Daniel und Sophie ausweichen.

 

EDGAR

Da kann ich sie verstehen und bin ihr sogar dankbar dafür.

 

Die beiden gehen an die Bar.

 

 

EDGAR

(winkt dem Barkeeper)

Kaffee oder besser Whisky?

 

JOHANNES

Edgar, die Liebe hat viele Gesichter. Ist das nicht dein Thema?

 

EDGAR

Du hast meine Frage nicht beantwortet.

 

JOHANNES

Beides Edgar, ich nehme beides.

 

EDGAR

Aber beides im Doppelpack.

 

JOHANNES

(schwingt sich auf den Barhocker)

Wo ich doch morgen heiraten will nehmen ich auch beides im Doppelpack.

 

EDGAR

Um auf die Liebe zurückzukommen: deine Liebe trägt Marie-Christins Gesicht.

 

JOHANNES

Und Sophie, welche Züge trägt Sophie, Edgar? 

 

Edgar hebt seinem Gegenüber das Whiskyglas entgegen.

 

EDGAR

Im besten Fall die Züge des Leichtsinns, im schlimmsten die der Wollust.

 

JOHANNES

Im Bett hat dich das nicht gestört. 

 

EDGAR

Johannes, sei nicht sentimental. Sie wollte eine Rolle. Die hat sie bekommen und ich wiederhole: Sie hat sie mit Bravour gespielt.

 

JOHANNES

Aber die Gage hast du ihr vorenthalten.

 

EDGAR

Egal, Johannes, jetzt brauche ich nur noch die Geschichte vom Klassentreffen und alles ist im Kasten.

 

Edgar klappt seinen Laptop auf.

Johannes erzählt.

 

SCHNITT 

21. SZENE 

INNEN – ARBEITSZIMMER – TAG

 

 

JOHANNES

Eines Tages klingelte mein Telefon. „Ja, hier Breitner!“, meldete ich mich.

 

ANNA

Hallo Johannes, hier ist Annelies!

 

JOHANNES

Was denn, die Annelies! Meine ehemalige Klassenkameradin.

 

ANNA

Ja, genau! Klasse 1a, Pestalozzischule.

 

ICH

Ja, ja eben die Anna, die so gern über meine Träumerei gelacht hat.

 

ANNA

Na ja, du warst ja immer so in fernen Welten.

Aber hör mal: Wir wollen ein Klassentreffen veranstalten und dich herzlich einladen.

 

JOHANNES

Nach 50 Jahren?

Na toll, Klassentreffen: Bussi hier und Bussi dort, hallo alter Junge. Wie recht Sie haben, graue Haare, dicker Bauch, Tränensäcke und sieh, was aus uns geworden ist. Wer warst du? Wer bist denn du?

 

ANNA

Du machst doch mit?

 

JOHANNES

Das sind eigentlich nicht meine Veranstaltungen.

 

ANNA

Protest, das kannst du nicht machen!

 

SPRECHER

O denkst du, dass je wir uns wiedersehen? Romeo: Ich zweifle nicht und all dies Leid dient in Zukunft uns zu süßerem Geschwätz.

 

JOHANNES

(denkt laut ihr Klassenfoto von damals betrachtend)

Da war doch meine Marie-Christin. Nun, die Meine war sie nie gewesen, aber sie war das Mädchen, das mein Herz berührt hatte. Der Blaue See und Lisei und Paul. Plötzlich ist alles wieder gegenwärtig.

Kommt denn Marie-Christin?

 

ANNA

Ja, sie kommt.

 

JOHANNES

Dann schreib mich mal auf, ich komme.

 

 

JOHANNES

(ruft seine Frau Gudrun an)

Hallo Gudrun, stell dir vor, wir machen nach 50 Jahren ein Klassentreffen und ich bin eingeladen.

 

GUDRUN

Du klingst so freudig!

 

JOHANNES

Na, nach 50 Jahren.

 

GUDRUN

Da kommt wohl das Lumpenpüppchen auch?

 

JOHANNES

Ja, Marie-Christin kommt auch und stell dir vor, sie hat schon zugesagt, deine ehemalige Sportkameradin.

 

GUDRUN

Ach was, die hatte ja nicht einmal einen flotten Trainingsanzug. Außerdem hat sie dich einfach vergessen. Während ich dich geheiratet habe.

 

JOHANNES

(denkt)

Es hatte auch nicht jeder dicke Westverwandtschaft, wie du.

 

Johannes legt auf. Geht in die Bibliothek. Betrachtet die Bücher seiner Jugendzeit. Wahllos nimmt er einige Jugendbücher aus dem Regal, betrachtete die Einbände und Titel, stellte sie wieder zurück, sodass sie die nächsten Jahrzehnte weiterhin Staub ansetzen können. Dann findet er ihn: den Pole Poppenspäler und in ihm Lisei und Paul.

 

JOHANNES

Vielleicht gebe ich es ihr zurück? 

 

EDGAR

Die Liebe führte deine Hand.

 

JOHANNES

Am nächsten Tag ging ich an Marie-Christins Haus vorbei. Wie immer sah ich hinauf zum Fenster, hinter dem sie einst schlief. Die Kraft, die mich zum Haus gezogen hatte, ließ mich meine Hand auf die Klinke legen. Die Tür gab mit leisem Knarren nach und ich trat in das halbdunkel des Hausflurs. Damals stand sie oben, erste Treppe, die Tür halb geöffnet.

„Na, Michael, schon Hausaufgaben gemacht?“, rief sie mir zu.

Wie damals zuckten meine Schultern und wie damals dachte ich jetzt: Warum nur bist du immer so fleißig, so strebsam und manchmal so spöttisch?

An jenem Tag hielt ich ihr stumm das Buch mit dem Titel „Das grüne Tor“ entgegen. Sie kam herab und mit einer leichten Berührung meiner Finger nahm sie den letzten Band der Erzählung über den kühnen Piraten, ließ ihre Augen spöttisch blitzen und fragte: „Jan Kuna möchtest du wohl gerne sein?“

Ja, hätte ich schreien mögen, der will ich sein und ich will dich rauben und mit dir die Welt umsegeln. Stattdessen brachte ich nur mühsam heraus: „Dann mach‘s gut, ich gehe an meine Hausaufgaben.“

„Tschüss Paul“, rief sie mir lachend hinterher.

Jetzt ging das Licht im alten Haus an. Eine Frau trat vor ihre Wohnungstür und noch bevor sie fragen konnte, was ich denn hier zu suchen hätte, war ich, mit Heinrich Heines „Schöner Zauber, bist verflogen, schöner Ring du sprangst entzwei“ auf den Lippen hinausgetreten in den Alltag meines Lebens.

 

EDGAR

Was ihr erlebtet, Johannes, raubt mir schier den Atem. Es ist unglaublich.

Lass uns bitte noch einen Whisky trinken. Ich brauche einen Moment des Nachdenkens.

 

Sie bestellen, prosten schweigend einander zu,

nach einer Weile beginnt Johannes erneut zu erzählen.

 

 

SCHNITT

22. SZENE 

INNEN - GASTSTÄTTE – ABEND

 

 

JOHANNES

(sich artig verbeugend seinen Blumenstrauß überreichend)

Liebe Anna, herzlichen Dank für deine Einladung.

 

GERALD

Michael der Träumer! Aber eines muss man dir lassen: Du bist ein höflicher Träumer.

 

EVA

Und gut gehalten hast Du dich auch.

 

JOHANNES

Ich hätte nicht so viel Falten im Gesicht, wenn du mir nicht immer eine geknallt hättest, nur weil ich dir den BH aufmachte.

 

EVA

Ach ja, ach ja.

 

JOHANNES

Hallo Martina, weißt du, dass ich deinen Vater sehr gut gekannt habe. Ich war einige Jahre sein Kollege.

 

MARTINA

Er hat mir immer davon erzählt und von dir geschwärmt. „Der Michael,“ hat er gesagt, „ist ein richtig guter Technologe.“

 

JOHANNES

Martina, so gut ja auch nicht.

 

JOHANNES

(denkt)

Wo ist nur Marie-Christin? Oh, da kommt sie! Wenig später steht sie in der Tür. Mein Herz klopft wie damals, als ich es nicht wagte, sie zu rauben, bis sie mir geraubt wurde. Nun ist es zu spät, das Leben hatte anders entschieden. Es ist allerdings nicht zu spät, ihr heute alles zu sagen. Marie-Christin steht dort in der Tür und mit ihr das Mädchen von damals, mit dem unnachahmlichen Lächeln in den klugen Augen.

 

Marie-Christin begrüßt die Anwesenden. Kurze Worte auch zu Johannes.

 

MARIE-CHRISTIN

Hallo Johannes, schön dich zu sehen.

 

JOHANNES

Marie-Christin, ich freue mich sehr.

 

Sie wendet sich den anderen zu.

Die Stunden vergehen.

 

 

JOHANNES

(denkt)

So, es ist Zeit für mich. Ich werde jetzt gehen.

 

Er beginnt, sich zu verabschieden.

 

MARIE-CHRISTIN

Willst du wirklich schon gehen? Das ist schade. Paul!

 

JOHANNES

Marie-Christin, ich bin nur wegen dir gekommen, denn ich wollte dich unbedingt wiedersehen.

 

MARIE-CHRISTIN

So ist es wahr, wie es Romeo einst sagte: Ich zweifle nicht und all dies Leid dient in Zukunft uns zu süßerem Geschwätz.

 

JOHANNES

Du hast es also nicht vergessen, dass keine andere als du mein Herz berührte, als ich dabei war, die Schwelle zu überschreiten, die den Jungen vom Mann trennt.

Das hier habe ich dir mitgebracht.

 

MARIE-CHRISTIN

(zögerlich, fragend)

Michael, das hast du alles behalten. Hast mich nicht vergessen?

 

JOHANNES

Wie konnte ich, Marie-Christin? Und nicht nur das. Du hast mich all die Jahre begleitet und nur wegen dir bin ich ein Theaterdichter geworden.

 

Sie umarmen einander. In den Jubel hinein dichtet Johannes aus dem Stegreif:

 

JOHANNES

Ja, süßes Geschwätz

O Chris, die du mein Herz berührt.

Den Sprossenpfad zu deiner Kammer,

als Knabe nahm ich ihn

im Monden Schein, als Nachtigallen sungen.

Und als die Lerche jubelnd steigend,

uns zum Abschied mahnt

da trennten Jo und Chris einander,

als Mann vom Weib

die sie geworden.

 

 

SCHNITT 

23. SZENE 

INNEN – FLUGPLATZ – TAG 

 

JOHANNES

Lange saßen wir noch zusammen. Ich erfuhr von ihren Jahren in Bolivien und von der Flucht zurück nach Deutschland.

 

EDGAR

Warum ist sie nicht zu dir gekommen?

 

JOHANNES

Sie wollte mein Leben nicht zerstören. Nur in meiner Nähe wollte sie sein. Sie und ihr Kind.

 

EDGAR

Da ist sie, die wahre, die große Liebe. Die so wenige Menschen erfahren.

(ironisch)

Ich übrigens auch nicht.

 

JOHANNES

Die Liebe, in ihrer Größe, hat ebenso viele Gesichter und es ist nicht ausgeschlossen, lieber Edgar, dass auch du eines Tages ein solches sehen wirst.

 

EDGAR

Na, vielen Dank, lieber Johannes für deinen Trost.

Nun interessiert mich noch brennend, wie deine Frau Gudrun dies alles aufnahm.

 

JOHANNES

Zuerst blieb alles, wie es war. Oder auch nicht, denn es lag eine Spannung in der Luft, wie vor einem Gewitter im August. Einige Male telefonierten die beiden Sportkameradinnen sogar miteinander. Aber das Gewitter braute sich zusammen.

 

EDGAR

Und ihr? Marie-Christin und du. Habt ihr euch getroffen, so auf einen Kaffee und Händchen halten.

 

JOHANNES

Das gab es ab und an. Auch an unserem See waren wir. Genau an der Stelle, an der wir einstmals eine Nacht verbringen wollten.

 

EDGAR

Und war das alles?

 

JOHANNES

Es war nicht alles. Als Gudrun eines Tages auf Dienstreise war, verbrachten wir „Unsere Sommernacht“ am See, wenn du das wissen willst.

 

EDGAR

Ja, das will ich wissen. Und sang die Nachtigall und weckte euch die Lerche?

 

JOHANNES

Sie sangen beide zu ihrer Zeit und wir lagen als Weib und Mann im Licht des anbrechenden Tages.

 

EDGAR

Und die Sprengladung?

 

JOHANNES

Die fand ich eines Tages, Gudrun lag im Krankenhaus und ich sollte ihr einige Papiere bringen, zwischen ihren Unterlagen.

 

EDGAR

Jetzt spann mich nicht auf die Folter.

 

Er bestellt zwei Tassen Mokka.

 

JOHANNES

Es waren die wohlverschnürten Briefe, die Marie-Christin mir vor Jahren geschrieben hatte

 

EDGAR

Da hieltest du in den Händen, was deinem Leben einen anderen Verlauf hätte geben können.

 

JOHANNES

Sie hat mir nie einen Brief gegeben.

 

EDGAR

Das ist ungeheuerlich. Obwohl Marie-Christin doch sicher nach dir gefragt hat.

 

JOHANNES

So ist es. Doch es sollte alles noch schlimmer kommen.

 

EDGAR

Das übersteigt meine Vorstellungskraft,

Johannes, noch schlimmer?

 

JOHANNES

Ja, noch schlimmer.

Im Krankenhaus stellte ich Gudrun zur Rede.

 

EDGAR

Was sagte sie?

 

JOHANNES

Zuerst war sie ganz gefasst. Appellierte an mich, an uns. Die vielen schönen Jahre. Da lächelte ich tief in mich hinein, fühlte Marie-Christins Briefe in der Hand und sagte halblaut: „Ach ja. Und all die schönen Lügen, die du mir immer aufgetischt hast!“

Sie fühlte, dass nichts mehr zu retten war und rief hysterisch: „Ja, bei jedem lustvollen Stöhnen habe ich dich belogen! Meine Lust bestand darin - und das all die Jahre - dass ich dich von deiner Marie-Christin ferngehalten habe und wenn du den Grund wissen willst, dann sollst du ihn jetzt erfahren! Du hast mich ihr vorgezogen und das solltest und sollst du büßen!“ Es traf mich nicht hart. Es war als hätte ich alles schon immer geahnt. Da war ihr kapriziöses Leben. Da war eine jahrelange Affäre mit ihrem ehemaligen Trainer und Sportlehrer und da war die zweite Schwangerschaft, die sie abbrechen wollte, was ich zu verhindern wusste. Und als hätte sie meinen Gedanken erraten, sagte sie plötzlich: „Und jetzt, hier an dieser Stelle sollst du erfahren, dass du nicht der leibliche Vater deines zweiten Kindes bist!“

 

EDGAR

Oh Gott, Johannes!

 

JOHANNES

Es war ein unausgesprochener Gedanke und ich glaube noch heute, dass Gudrun mich dafür auf ihre Art liebte. Ich wollte es nicht wissen, hätte ja in der heutigen Zeit einen Gentest machen lassen können. Aber ich wollte nicht. Er war und ist mein Sohn. Ich wendete mich ab und verließ grußlos das Krankenzimmer. Beim Schließen der Tür hörte ich ihr Schluchzen.

 

EDGAR

Tat sie dir nicht leid?

 

JOHANNES

Ja, wenn ich an all die vergangenen Jahre zurückdachte, schon. Denn auch sie hatte mir einst in schwerer Stunde zur Seite gestanden. Dann ging alles schnell. Ich lief nach Hause, packte meine Tasche und stand Stunden später vor Marie-Christins Tür. Und so begann unsere gemeinsame Zukunft in eben jenen Stunden.

 

EDGAR

Und was war mit euren Kindern? Wie reagierten sie auf diese Entwicklung?

 

JOHANNES

Sie sind ja längst keine Kinder mehr. Sind abgenabelt und klettern im Moment gemeinsam im Elbsandsteingebirge.

 

EDGAR

Die finden sich!

Alles in allem, mein lieber Johannes, es ist mir als kennte ich euch schon lange. Eine starke Geschichte, und ich versichere dir: es wird ein noch stärkerer Film daraus entstehen.

 

Er fährt seinen Laptop hinunter.

 

Das wars. Den Stoff für die Soap habe ich zusammen. Danke nochmals und grüße mir deine Marie-Christin: sie ist eine bemerkenswerte Frau, wie du ein bemerkenswerter Mann bist.

 

Bestimmt sehen wir uns eines Tages wieder.

Spätestens, wenn ihr euch scheiden lasst,

können wir einen famosen Rosenkrieg

inszenieren.

(lacht)

 

Sie trennen sich.

 

SCHNITT

5. AKT 

24. SZENE 

INNEN – FLUGPLATZ – TAG

 

Johannes geht in die Abfertigungshalle. Da entdeckt er Sophie und Daniel, Hand in Hand zum Check-In Schalter der Australian Airlines gehen. Er hört, wie Daniel voller Freude zu ihm herüberruft:

 

DANIEL

Die Liebe ist`s, die die Götter den Menschen neiden lässt!

 

JOHANNES

(schmunzelnd zu sich selbst)

Der dürrste Hahn an der Hand ist Sophie wohl lieber als der fetteste Truthahn an irgendeinem Thanksgiving in einer Bratröhre im unerreichbaren Amerika.

 

DANIEL

Die Liebe ist`s, die die Götter den Menschen neiden lässt!

 

 

Gerade, als der Flug nach Edinburgh aufgerufen wird, sieht er Marie-Christin die Rolltreppe heraufkommen.

 

MARIE-CHRISTIN

(atemlos)

Bin ich zu spät? Haben wir unseren Flug nach Gretna Green verpasst?

 

JOHANNES

(nimmt sie zärtlich in die Arme)

Nein, Marie-Christin, ich wusste, dass du kommen würdest, denn du warst die Jägerin, die einst vor Jahren die Schlinge legte, in der ich gern den Rest meines Lebens verbringen will.

Komm, wir checken ein. Schließlich wollen wir dort heiraten.

 

MARIE-CHRISTIN

(leicht verunsichert)

Bist du sicher? Willst du mich immer noch heiraten?

 

JOHANNES

(küsst sie leidenschaftlich)

Aber ja, ganz, ganz sicher!

 

SCHNITT 

6. AKT 

25. SZENE

 

Verliebt warten die beiden bis ihr Flug aufgerufen wird, gehen an Bord und Johannes überlässt ihr den Fensterplatz.

 

MARIE-CHRISTIN

(aufgeregt)

Hoffentlich haben die noch einen Nagel für uns in ihrer Schmiede, die doch schon ein paar Jahre geschlossen ist?

 

JOHANNES

(umarmt und küsst seine Jugendliebe)

Sicher, meine Liebe, Marie-Christin, der kluge Mann baut vor. Hier, sieh, den habe ich im Baumarkt gekauft.

 

Zieht einen Nagel aus der Hosentasche.

 

JOHANNES

In zwei Tagen, wenn der Nagel eingeschlagen sein wird, kannst du die Schlinge zu ziehen, die du vor Jahren legtest.

 

MARIE-CHRISTIN

Johannes, bist du noch immer sicher. Willst du mich wirklich heiraten?

 

JOHANNES

Natürlich! Aber ja, ganz, ganz sicher! Ich rette dich, wie ich es einst versprach, meine Lisei.

 

MARIE-CHRISTIN

So bist du wirklich mein Paul.

 

JOHANNES

(dichtet)

Und unsre Herzen schlagen gleich dem Hammer

den Nagel ein ins Amboss Holz.

Gleich klopft in einer Brust ein neues Herz, wo vordem waren zwei.

Denn Weib und Mann vereint der Hammerschlag.

 

Kurze Zeit später starten nacheinander drei Flugzeuge in den Himmel über London. Das erste, mit Edgar Mortau an Bord, in Richtung New York, das zweite, mit Sophie und Daniel, nach Australien. Im dritten haben Marie-Christin und Michael es sich bequem gemacht. Ihr Ziel: Edinburgh.

Die zwei ersten Flugzeuge werden, Stunden später, sicher am Ziel landen. Das dritte jedoch wird nach einer Flugstunde in Rauch und Flammen aufgehen. In ihm sitzen Marie-Christin und Michael im dichter werdenden Nebel des Chaos, das sie wenig später verschlingen wird. Sie halten einander fest umschlungen, fahren noch einmal zu ihrem See. Marie-Christin spürt Johannes ersten Kuss auf ihren Lippen und liegt mit ihm, als Paul und Lisei, in ihrer Tonne.

Und während die Welt mehr und mehr versinkt, flüstert Johannes: „Lisei, Lisei das ist des Pudels Kern“, und dann entschwindet die Welt.

 

ALLES GEBEN DIE GÖTTER, DIE UNENDLICHEN,

IHREN LIEBLINGEN GANZ.

ALLE FREUDEN, DIE UNENDLICHEN, GANZ.

Johann Wolfgang v. Goethe (1823)

 

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