In einem Kistenstapel hatte sich ein großer Vogel verfangen. Hilf- und kraftlos flatterte er hin und her. Einer der Kollegen lief so schnell er konnte zu Herrn Berthold, von dem alle wussten, dass er einen ausgeprägten Sinn für Tiere hatte.

»Das ist ein Falke«, stellte er sachkundig fest, »und dazu noch ein sehr junger.« Er holte einen Arbeitshandschuh und befreite kurzerhand den eingeklemmten Flügel. Alle standen staunend daneben und beobachteten sein geschicktes Vorgehen. Der Falke verhielt sich während der Rettungsarbeit sehr ruhig, geradeso, als ahnte er, dass er bald aus seiner misslichen Lage befreit sein würde. Hier, auf der Arbeit, konnte er nicht bleiben, also nahm ihn Herr Bertold mit nach Hause, wo der Neuankömmling von allen übrigen Familienmitgliedern freudig begrüßt wurde. Eine Bleibe war schnell gefunden. Im Keller fand sich ein uralter Buntfernseher, der nun ausgeschlachtet und zum Vogelbauer umfunktioniert wurde. In diesen hielt der Vogel nun Einzug.

Am nächsten Morgen lief Herr Bertold nicht wie gewohnt zur Arbeit, auch trug er nicht wie sonst seine Aktentasche mit sich, sondern einen großen Henkelkorb, worin sich der Falke befand. In Begleitung seiner Kinder, deren heutiger Schultag als schulfrei erklärt wurde, gingen sie zum Tierarzt. Dieser stellte einen gebrochenen Flügel fest, schiente ihn und sagte, wie und wann das Tier zu füttern sei.

Unterwegs kaufte Herr Bertold beim Fleischer ein Stück Rindfleisch in bester Qualität. Der Fleischer meinte: »Na, das wird aber eine schöne Nudelsuppe werden.« Die Kinder lachten und Herr Bertold lüftete vielsagend die Decke vom Henkelkorb und wies auf den Vogel: »Das wird keine Nudelsuppe«, entgegnete er fröhlich.

Da staunten der Meister und Meisterin und wünschten gutes Gelingen. Der Fleischer bemerkte noch: »Setzt ihn beim Füttern auf eure Schulter, dann seht ihr aus wie Robinson Crusoe.«

Zu Hause wurde das Futter zurechtgeschnitten und dem Falken im ehemaligen Fernseher gereicht. Der Vogel wollte jedoch nicht fressen, blieb auf seiner Stange sitzen. Na, da machen wir es anders, dachte Herr Bertold, nahm den Vogel von der Stange und setzte ihn sich auf den Arm. Das wollte er auch nicht, sondern hüpfte einfach auf die linke Schulter seines Retters und von dort aus nahm er gierig die Fleischbrocken zu sich.

Nach einigen Tagen, er hatte sein Abend-Rindfleisch hinuntergeschlungen, sah er sich aufmerksam im Zimmer um, startete plötzlich zu einem Flug durch die Stube und landete unter dem Tisch. Sein Flügel war geheilt.

Herr Bertold ahnte: Der Abschied vom Falken rückte näher. Vorerst wurde der Raubvogel jedoch mit einer Schnur am Bein an seinen Retter gebunden. Auf der Wiese vor dem Haus startete ein erster Versuch und endete mit einem totalen Absturz des Vogels. Er erhob sich von der Schulter, breitete seine Flügel aus, gelangte an das Ende der Schnur und damit an die Grenze seiner Freiheit. Hilflos flatternd lag er im Gras und wartete auf Herrn Bertold. Ganz still saß er dann am Abend auf seiner Stange im früheren Fernsehkasten. Die Familie des Herrn Bertold beriet sich und unter Tränen entschieden sie am Ende gemeinsam: Die hemmende Leine wird beim nächsten Start weggelassen!

Am folgenden Morgen wurde der Falke zum Startversuch heruntergetragen. Herr Bertold musste lange auf den Vogel einreden, bevor er sich vorsichtig in die Höhe schraubte, von dort aus grüßte er die Zurückgebliebenen mit seinem typischen Falkenruf. Seine Kreise wurden weiter und weiter und plötzlich war er unter den tränenfeuchten Blicken der ganzen Familie entschwunden. Würde er zurückkommen? Herr Bertold winkte mit einem Stück Rindfleisch. Nichts half, der Vogel blieb verschwunden. Einige Zeit später vernahmen sie sein Rufen, beobachteten seine Kreise und schon saß er auf der Schulter seines Retters. Während die Umstehenden Beifall klatschten, fraß der kühne Falke das Rindfleisch, das ihm Herr Bertold reichte. Es war ein Abschiedsfressen, sie alle ahnten es, nur wollten sie es nicht wahrhaben. Stumm sahen sie dem Davonfliegenden nach.

Nun ja, sie beruhigten sich mit dem Gedanken, dass sie die Geschichte von ihrem Falki wohl niemals vergessen würden.

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