Abschied von der Wartburg 

Jetzt war der März gekommen, die ersten Schneeglöckchen zierten die Wiesen. Zeit, mein Versprechen, die Wartburg zu verlassen, einzulösen. Morgen früh würden wir beide, Johannes und ich, den Weg in die unruhige Heimat antreten. Ein Lächeln glitt über mein Gesicht und ich hörte meinen Johannes sagen: „Bereits damals, auf dem Hof des Leipziger Buchdruckers, als ich dich das erste Mal sah, in der schwarzen Kutte, die fast nur Haut und Knochen bedeckte und deine Stimme hörte, fühlte ich, mehr noch als ich es wusste: Der dasteht, spricht für den Vater im Himmel, dem er vertraut und er wird nicht wanken und weichen den falschen Propheten, die Gott sagen, aber nur sich selber meinen, den Kampf anzusagen.“

Ich fühlte mich gemustert, lächelte wie ich mich jetzt sah, als Junker, dem die Kleidung sichtbar straff auf dem Leib saß und hörte die Stimme meines Freundes: „Martinus, die Pferdemedizin hat dir sichtlich gutgetan!“

Ich hatte geantwortet: „Das hat sie, Johannes, und deshalb wird, uns nachfolgend, ein ganzes Fässchen dieser „Pferdemedizin“ nach Wittenberg folgen. Dort wollen wir sie verfeinern und im ganzen Land verbreiten.“

Die Nacht vor dem 1. März brach an und in den Morgenstunden verließen wir die Sicherheit der Burg.

Ohne Eile reisten wir über Eisenach nach Erfurt, über Altenburg, wo wir eine letzte gemeinsame Nacht unserer Odyssee verbrachten. Fast beneidete ich meinen Freund Johannes, wenn ich daran dachte, wie er in wenigen Stunden in die Arme seiner geliebten Maria fliegen würde.

Da spürte ich so recht die Einsamkeit und Kühle meiner Zelle, die mich erwartete. „Du strebst in ein warmes Nest“, hatte ich da gesagt, „ich aber strebe in meine kalte Zelle und mitten in die Auseinandersetzung mit den Storchianern.“

Johannes versuchte, mir Trost zuzusprechen: „Wenn du etwas Nestwärme brauchst, kannst du uns zu unserer Hochzeit besuchen. Du wirst uns immer willkommen sein, meiner Maria und mir.“ Dabei hatte er übers ganze Gesicht lachend gemeint: „Auf dem Hof kannst du dann, wie es Karlstadt will, ein rechter Bauer sein.“

Ich habe ein Bergwerk ausgeschlagen“, betonte ich, „und sehe nicht ein, dass ich nun ein Bauer werden soll. Ich will weiterhin mit den Oberen zerren und reißen, bis sie Gottes Wort recht verstehen. Ich will jedoch nicht versuchen, dem Felsen unter der Erde und dem Boden auf dem Feld Gottes Früchte zu entreißen. Gott gab mir die Kraft, an ihn glaubend, dem Papst zu widerstehen, aber er gab mir nicht die Kraft, Hammer und Schlegel zu handhaben oder gar den Pflug zu führen. Was meinen Vater schon früh verdross und ihn gar mit dem Herrn hadern ließ.“

So verschaffe dir Nestwärme, indem du eine der entlaufenen Nonnen ehelichst. Schließlich warst du es, der sie aus ihrer gewohnten Umgebung riss. Kein anderer als du schlug ihnen die Tore ihrer Klöster auf. Nun sieh zu, wie du wenigstens einer von ihnen eine neue Heimstatt bietest“, erwiderte Johannes fröhlich grinsend.

Spotte nicht“, hatte ich geantwortet und mich an die entlaufenen Nonnen aus dem Zisterzienserinnenkloster Sankt Marienstern erinnert. Drei Nonnen liefen ihrer Äbtissin davon. Und weißt du wo sie hingingen?“, hörte ich mich fragen und die Antwort drang in meinen Schlaf.

Ich weiß, ich weiß. Sie landeten vor Jahresfrist in Wittenberg. Von Melanchthon erfuhr ich unlängst, dass diese Bräute des Herrn, bis auf eine, längst verheiratet sind. Du musst dich also beeilen oder warten, willst du die Rechte für dich finden“, sagte Johannes und schaute mich fröhlich auffordernd an.

Mit diesem Nachhall in den Ohren erwachte ich am Morgen des 5. März 1522.

Am Abend zuvor hatte ich durch das Altenburger Tor die Stadt betreten und ließ ins Torbuch schreiben: Junker Jörg aus Altenburg kommend, auf dem Weg zum Geleitsmann Michael von der Straßen.

 

Der Zauber war verflogen. Luther war aufgewacht, erhob sich aus seinem Lehnstuhl, streckte sich dankbar und wandte sich dem Hausdiener zu, der gerade eingetreten war. Mit einer Verbeugung begann dieser: „Herr Ritter, bitte begleitet mich in das Arbeitszimmer meines Herren von der Straßen. Er wird in Kürze zurück sein und beauftragte mich, Euch zu geleiten.“

Luther dankte mit einer knappen Verbeugung für die Freundlichkeit. Ob er noch zwei Wünsche äußern dürfte, fragte er bescheiden. Um eine Kutte bat er und um Seife und Pinsel, sich den Bart abzunehmen. Der Hausdiener versprach, die Wünsche zu erfüllen und geleitete den Gast, von dem jetzt alle im Haus wussten, dass er der Wittenberger Dr. Luther war, ins Arbeitszimmer seines Herren Michael von der Straßen. 

Kleider und Bart des Junkers waren abgelegt, die neue Kutte übergestreift, so betrat der Bruder Luther den Amtsraum des Geleitsmannes Michael von der Straßen. Der Hausdiener geleitete ihn zum Tisch, verabschiedete sich mit leichter Verbeugung und verließ den Raum. Sogleich nahm Luther Papier und Feder, um einen Brief an seinen Landesvater, Kurfürst Friedrich des Weisen, zu schreiben. Danken wollte er ihm darin für den erfahrenen Schutz und gleichzeitig darauf hinweisen, dass der höchste Schutz allein von Gott kommen kann.

Nach einer Weile klopfte es an der Tür. Ärgerlich rief er laut: „Herein, so es nicht die liederliche Magd ist!“

Nicht die Magd, sondern die Frau seines Gastgebers betrat den Raum, in ihrem Gefolge drängten sich drei muntere Kinder, die den Bruder neugierig musterten. Wussten sie doch um einen Junker, den sie sehen wollten. Doch ihnen gegenüber stand ein Bruder in Kutte, mit rasierten Wangen.

Mit hochrotem Kopf und einer tiefen achtungsvollen Verbeugung bat Martinus um Verzeihung: „O entschuldigt, liebe Frau Margareta, Gott zum Gruß ihr lieben Kinder. Ihr werdet mir mein Burg-Gepolter hoffentlich verzeihen.“ Er verbeugte sich abermals.

Margareta bat ihn, sich aufzurichten. „Ach was, Entschuldigung! Ihr seid hier, gesund seht Ihr aus und munter seid Ihr. Das ist wichtig.“ Sie wusste, dass Martinus auf dem Weg nach Wittenberg war.

Des Bürgermeisters einzige Tochter Anna nahm den Tonfall ihrer Mutter auf und rief mit glockenklarem Triumph in der Stimme: „Die Wittenbergische Nachtigall ist heraus aus ihrem Käfig.“

Noch bevor Martinus etwas erwidern konnte, warf Christoph, der älteste Spross, des Junkers Schwert samt Scheide hochreißend, ein: „Ach was, Nachtigall! Schwester, ich glaube aus dem Mönch ist ein Krieger geworden.“

„Ei was, Krieger“, rief Luther, „als Mönch kam ich auf die Burg und sitze hier“, er wies auf Kutte und Rasur, „als Streiter Gottes. Ich tauge nichts an Waffen.“

Ein erneutes Klopfen unterbrach das Gespräch. Hereingerufen trat ein Stubenmädchen, ein großes Tablett vor sich hertragend, in die Stube. „Ich bringe den Malvasier für die Herrin und den Junker. Auch einen Krug Most habe ich dabei.“

„Stellt nur alles hier ab“, befahl die Herrin, „einschenken werde ich selbst.“ Sie entließ das Mädchen mit einer Handbewegung.

Während seine Mutter Wein und Most einschenkte, fragte Jeremias, der zweitjüngste Sohn, nicht ohne rot zu werden: „Wenn Ihr schon kein Krieger seid, aber zur Jagd wart Ihr doch bestimmt?“

„Sei nicht so neugierig“, tadelte seine Mutter ihn.

„Lasst nur“, entgegnete Luther über sich selbst lachend, „nun ja, einmal, nach langer Überredung, nahm ich mit meinem Freund Johannes an einer Jagd teil. Aber ich sage es unumwunden und frei heraus: Ich scheiterte kläglich.“

Neugierig näherten sich die Kinder, die Mutter bat erneut: „Löchert Dr. Luther nicht! Er wird Wichtigeres zu tun haben, als euch Abenteuer zu erzählen.“

„Gleich, gleich will ich erzählen, vorerst wollen wir jedoch etwas vom köstlichen Malvasier zu uns nehmen“, sagte Martinus und erhob sein Glas.

Sie hoben die Becher und tranken einander zu. „Und nun habe ich noch eine Bitte, liebe Margareta, könnt Ihr dem Bruder Fusius ausrichten lassen, dass ich von der Wartburg zurück bin und hier bei Euch freundliche Aufnahme fand?“

„Ich werde die Magd anweisen, beim Prediger Fusius auszurichten, dass Ihr in unserem Hause weilt“, bestätigte die Herrin mit einem freundlichen Lächeln und ging hinaus, Luthers Wunsch zu erfüllen. Kaum war die Tür eingeklinkt, begannen die Kinder im Chor zu rufen: „Bitte, bitte Martinus, erzählt von dieser Jagd.“

„Also hört die Geschichte von der winterlichen Jagd, die mir nur Hohn und Spott einbrachte.“ Er machte eine kurze Pause, den Kindern Zeit lassend, sich vorzustellen wie ihr Luther unter Hohn und Spott zur Burg zurückkehrte. Ihre Augen bettelten ihn an, weiter zu erzählen. Das war für Martinus der richtige Moment fortzufahren, was er sogleich tat. „Einmal, ich glaube der erste Schnee war gefallen, zog die halbe Burgbesatzung, angeführt vom Burghauptmann Berlepsch, der einen Falken auf dem Arm hielt, hinunter in den Wald der Drachenschlucht. Die Jagdhörner klangen lustig in der Frostluft und die Hundemeuten bellten so laut, dass alles Getier in Unruhe geriet. Ich dachte schon mit Grausen an all die abgeschossenen Tiere, die den Sonnenuntergang nicht mehr erleben würden. Mein Freund Johannes dagegen, der ein richtiger Krieger geworden war, lachte über mich und meine Befürchtungen. Er wollte mich trösten und aufmuntern, indem er meinte: „Martinus, du kannst sicher sein, es werden viel mehr Tiere die Jagd überstehen als du annimmst.“ Das war mir kein Trost, blieben doch trotzdem noch genug, die sterben mussten.“

Margareta, die in inzwischen die Stube wieder betreten hatte, warf ein: „Johannes litt sicher nicht an solch schlimmen Magengrimmen wie Ihr, wenn er immer an Waffenübungen und Jagden teilnahm.“

Anna, die dem Erzähler förmlich an den Lippen hing, sagte teilnahmsvoll und mitleidig: „Aber Mama, die armen Tiere.“

Luther gab ihr recht, froh, ein solch mitleidendes Herz gefunden zu haben.

„Ja, Frau Margareta, wahrlich, er war ein eifriger Waffendiener. Er ritt oft aus und besorgte mir aus Eisenach alle Bücher, die ich für die Übersetzung des Neuen Testamentes brauchte und ja, er litt nicht an der fetten Kost auf der Burg, langte kräftig zu, während ich litt, bis mir der Hauptmann die Pferdemedizin verabreichte.“

„Diese ist wohl auch in dem Krug, der vor Euch steht“, meinte Christoph, „doch lasst Euch bitte nicht länger ablenken.“

„Im Jagdlager angekommen“, fuhr Luther fort, „blieb ich allein zurück. Ich wollte keinem Tierlein etwas zuleide tun. Im Wald erklangen die Hörner. Ab und zu drang Jagdgeschrei an meine Ohren. Eine Hundemeute näherte sich mir. Da, plötzlich hoppelte ein Häschen in wilder Flucht auf meinen einsamen Platz, verfolgt von zähnefletschenden Hunden. Entsetzen, ja Todesangst sah ich in den runden Augen des Hasen.“

Margareta und die Kinder schrien jetzt auf, als stünden sie mit dem Erzähler inmitten der Hundemeute. „O Gott, das arme Tier“, beteuerten sie einander ihr Mitleid mit dem gejagten Hasen.

„So dachte ich auch. Kurz entschlossen nahm ich den Hasen und steckte ihn in mein Wams.“

„Und die Hunde? Kamen sie nicht, um den Hasen zu fangen?“, machten die Kinder ihre Sorge um das Wohlergehen vom Mümmelmann Luft.

„Die Hunde“, Luther dehnte seinen Bericht, sodass das Hecheln und die zähnefletschende Hundemeute, selbst hier im sicheren Raum, blankes Entsetzen auslöste, „sprangen in wilder Jagd direkt auf mich zu.“ Mit großer Gestik und Mimik beschrieb er den Schrecken, der ihn durchfuhr, als der Rudelführer kurz darauf vor ihm stand.

Alle im Raum hatten sich dabei erhoben, umgaben Luther wie einen Schutzwall als könnten sie ihn und mit ihm vor allem den Hasen beschützen.

„Bis auf den Leithund rannte die Meute an mir vorbei und in den Wald hinein. Fast überkam mich Erleichterung, aber welcher Schreck. Vor mir stand ein furchtbar großes Tier mit noch viel furchtbareren Zähnen im weitgeöffneten Maul. Die Zunge hing ihm aus dem Fang und aus den hochgezogenen Lefzen troff ein dicker Speichelstrom. Stinkender Atem schlug mir entgegen. Gleichzeitig erfassten mich seine Augen mit einem Funkeln, das mich erstarren ließ.“

Die Mädchen rangen die Hände, denn gar zu deutlich schilderte der Gast ihres Vaters die Gefahr. Und wirklich, der verhinderte Jäger stand, steif nun mit Entsetzen in den Augen, als würde ihn der Hund, hier im Haus seines Freundes, Michael von der Straßen, mitten ins Gesicht starren. In Christophs Augen dagegen stand die Aufforderung fortzufahren und sei es noch so grausig.

„Konnte der Hund das Versteck, dank seiner guten Nase, erahnen, wo sich der Hase befand?“, nahm Luther seinen Bericht wieder auf. „Plötzlich jedenfalls sprang er mich an, ich strauchelte und fiel, der Länge lang, in den Schnee. Dabei, um eurer Frage zuvorzukommen, sprang der Hase unter meinem Wams hervor. Der große Hund ließ sogleich von mir ab, wollte dem Häschen mit gefletschten Zähnen hinterher. Soweit kam es nicht! Der Führer der Meute pfiff ihn im letzten Moment zurück. Aus den Augenwinkeln sah ich meinen Hasen im Wald verschwinden. So ward der Hase im letzten Augenblick gerettet.“

„Das war ja, Gott sei Dank, Rettung in höchster Not“, löste Margareta, von dem Chor ihrer Kinder unterstützt, die Spannung.

„Ja, der Hase war gerettet. Aber alle auf der Burg machten sich über mein Missgeschick lustig und schon bald kursierte der Vers:

 

Pech hat der junge Kaiser,

mit seiner Lippe schwer.

Die hängt ihm im Gesichte,

als ob`s die seine nicht wär.

Noch schlimmer ist sein Augenschein,

nicht treu wie das vom Häselein.

Wär‘s so gewesen,

der Luther sagte niemals nein.

 

Alles lachte über dieses Lied und die Hausherrin fand, es sei ein Grund, die Becher nochmals zu füllen, denn wichtig allein sei, die Jagdgeschichte bewies es wieder, Luthers Bestimmung als Helfer und Retter.

„In Schutz nehmen, ja sicher, aber mehr noch sehe ich meine Aufgabe darin, das ursprüngliche Wort Gottes zu vermitteln, damit es gehandhabt werden kann wie eine Leiter. Sprosse für Sprosse bis zum jüngsten Tag“, sagte Luther ernst und zugleich froh darüber, so aufmerksame Zuhörer zu haben.

Die Kinder dankten ihm und verließen auf Anweisung ihrer Mutter die Stube.

Als die Tür hinter ihnen in das Schloss gefallen war, nahm Margareta das Wort: „Ihr sagtet, Gottes Wort für jeden Tag und jede Stunde. Damit habt Ihr recht und ich kann Euch nur zustimmen. Wollt Ihr jedoch all die Jahre, die noch vor Euch liegen, allein und ohne Weib durch die Tage gehen? Ich sage Euch: Es ist bald an Euch, sich zu verheiraten. Nehmet doch eine Nonne zur Frau, Ihr habt ihnen die Klostermauern aufgebrochen, also kümmert Euch.“

„Was ich mir da auflade. Der Meister Cranach berichtete mir von einer entflohenen Nonne, die von sich gesagt haben soll, sie wolle keinen anderen als mich heiraten. Ginge das nicht, würde sie lieber als alte Jungfer aus dem Leben scheiden.“

„Nun, vielleicht hat sie Augen wie euer Häschen?“, fragte Margareta spöttisch.

Luther entgegnete: „Vielleicht kann ich jeden Hasen retten. Glaubt Ihr das“, er machte eine artige Verbeugung, „wirklich?“

„Nachdenken über eine Hochzeit solltet Ihr schon“, sprach’s und erhob sich: „Mein Gemahl wird zur Mittagszeit zurück sein.“ Sanft schloss sie die Tür.

 

Kurz darauf schrieb Luther weiter am Brief an seinen Landesherren. Nach zwei Stunden legte er die Feder zur Seite, lehnte sich entspannt zurück, sortierte seine beschriebenen Seiten, um dann laut zu lesen:

Ich komme nach Wittenberg, in einem gar viel höheren Schutz als in dem Euer Kurfürstlichen Gnaden. Ich hab’s auch nicht im Sinn, Schutz von Euer Kurfürstlichen Gnaden zu begehren. Ja, ich wollte Euer Kurfürstlichen Gnaden mehr schützen, denn Ihr mich schützen könntet. Der Sache des Neuen Evangeliums kann kein Schwert raten noch nützen. Gott muss hier allein schaffen, ohne menschliche Sorgen und menschliches Zutun.

Hin und wieder nickte er, sich selbst bestätigend, was er da vortrug und wollte gerade die zweite Seite ablegen, da flog die Tür auf und sein Freund, Michael von der Straßen, stürmte, sein Barett schwenkend, herein, warf es dann achtlos von sich und umarmte den Junker.

„Junker Jörg“, rief er dabei, schob ihn dann überrascht von sich und meinte, ihm lachend ins Gesicht sehend, „oder soll ich wieder Bruder Martinus sagen?“

„Der Bart ist ab, lieber Freund, der Junker liegt in der Kleiderkiste“, antwortete Luther und fügte hinzu: „So ist es mir leichtgefallen, dem Landesherrn zu schreiben, dass ich mich von jetzt an in einen höheren Schutz begeben habe.“

Der Herr des Hauses wartete nicht. Griff nach den Bechern und rief: „Nun denn, auf deine glückliche Heimkehr! Oder doch Flucht?“

„Beides, mein Lieber, ich will heimkehren, um mein Werk zu schützen und ich will der geistigen Enge entfliehen, die mir eine schlimmere Fessel war als das dickste Mauerwerk.“

Michael von der Straßen legte jetzt seine mit Zobelpelz verzierte Schaube ab und bemerkte, auf den Tisch weisend: „Wie ich sehe, hast du fleißig an unseren Landesvater geschrieben und nahm ein Blatt auf. Während der ehemalige Junker erneut einschenkte, las der Bürgermeister:

Hiermit befehle ich Euer Kurfürstlichen Gnaden in Gottes Gnaden. Diese Schrift habe ich eilends angefertigt, dass nicht Euer Kurfürstlichen Gnaden Betrübnis erführe, durch das, was meine Zukunft betrifft. Wenn Euer Kurfürstlichen Gnaden wahrhaft glauben würde, so könnte Er Gott in seiner ganzen Herrlichkeit und Wirkung erkennen! Weil dem aber nicht so ist, hat Euer Kurfürstlichen Gnaden noch nichts gesehen. Gott sei Lieb und Lob in Ewigkeit, Amen.

Gegeben zu Borna bei dem Geleitsmann, am Aschermittwoch, Anno 1522.

Euer Kurfürstlichen Gnaden untertäniger Diener Martinus Luther.

 

Langsam las der Edelmann Blatt für Blatt. Sein Gesicht verriet die Anspannung, die er empfand. Luther beobachtete sein Gegenüber, der die Blätter ablegend, mit nachdenklichen Falten auf der hohen Stirn anhob: „Es sind starke Worte, die den Landesvater verletzen könnten.“

Luther verneinte. „Verletzen will ich ihn nicht. Nur stoßen will ich ihn, dass es kracht! Er denkt noch immer, dass er mich schützen muss, vor Papst und Kaiser und dem unseligen Kirchenbann.“

„Nur, dein Schreiben setzt ihn unter Gott. Du wähnst seinen Schutz geringer als den Schutz des Vaters im Himmel“, mahnte der Freund.

„Gott soll es richten und deshalb hielt es mich nicht länger auf der Wartburg. Kann der Kurfürst das wirklich wollen, dass ich hinter seinen Mauern hocke, während in Wittenberg die Storchianer seine Reliquien aus den Kirchen kippen und Bilder verbrennen?“ Luthers Worte lagen wie eine dunkle Wolke im Raum.

Michael von der Straßen ging langsam zum Fenster, öffnete es und sah hinab auf das bunte Treiben des Marktes. Mit der frischen Luft, die in den Raum drang, ging er zu Martinus, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sagte, die dunkle Wolke vertreibend: „Du hast recht, Bruder. Die Wittenberger brauchen dich.“ Doch es war noch nicht alles gesagt. Und so fuhr der Bornaer fort: „Martinus, wie wunderbar ist der Quell, aus dem dir deine Kraft zufließt“, dabei sah er ihm fest in die Augen und schloss zweifelnd: „Kann Gott jedoch allein dich schützen?“

„Vor Gott bin ich ein Madensack“, rief Luther aus, „aber dieser Gott sagt uns allen: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Wie sollte ich an dieser Zusage Gottes zweifeln?“

Beide dachten eine kleine Weile nach, bis Luther seinen Gedanken fortsetzend mit gewohnter Gestik postulierte: „Der Weise Friederich ist die von Gott eingesetzte Obrigkeit.“ Er legte erneut eine Pause des Nachdenkens ein: „Hast du gehört, Michael, von Gott eingesetzt! Sagt das nicht alles?“ Ernst und sehr deutlich waren Martinus die Worte von den Lippen geglitten, aber es wäre nicht Luther gewesen, hätte er nicht mit einem abschließenden, freundlichen Lächeln hinzugesetzt: „Im Übrigen, und dir zum Trost, leisten die Mauern von Wittenberg auch ihren Teil.“

Ein Befreiungsschlag waren diese Worte und kennzeichneten Martin Luther überdeutlich in seiner Zuversicht, die er aus seinem Gottvertrauen schöpfte. Erneut stießen die Becher aneinander, lösten mehr noch als Worte die Situation.

Während er seinen Becher abstellte, fragte der Bornaer erneut: „Wird deine Ansicht unseren Landesvater nicht verwirren?“

Die Antwort darauf blieb im Raum stehen, denn durch die Tür, der Hausherr hatte das Klopfen kaum mit einem „Herein“ quittieren können, stürmte Bornas erster evangelischer Prediger Fusius herein und rief, seine Begeisterung nicht verbergend, „Borna ist ein Bienenhaufen!“ Er stand vor seinen beiden Förderern, breitete seine Arme aus als entließe er im Moment einen ganzen Schwarm der Honigsammler: „Es summt in unseren Mauern, es brummt über uns hinaus als wäre der Frühling schon hereingebrochen.“ Und mit einem: „Durch die engste Gasse hallt der Ruf“, reichten die Prediger einander die Hände und lagen sich beim: „Dr. Luther ist im Haus des Michael von der Straßen eingekehrt“, in den Armen.

Der Bornaer Bürgermeister stand da, sah auf dieses Bild der sich umarmenden Prediger und dachte: Wahrlich, Martinus, du bist der Frühling, du bist die Hoffnung für die Christenmenschen.

„Sei mir gegrüßt du Hüter des Neuen Evangeliums, du Bastion des Neuen in Borna“, begrüßte Luther seinen ehemaligen Schüler, ihm dabei kräftig auf die Schulter klopfend und brachte lachend hervor: „Du Madensack vor dem Herrn, mein Bienenemissär!“

Die drei Männer genossen eine Weile diese Vorstellung von den schwärmenden Bienen, die Luthers Botschaft ins Land hinaustrugen, bis Fusius einwarf: „Gott sei Dank, Martinus, du bist wieder in sicheren Mauern. Nun braucht es nur noch einen sicheren warmen Herd für dich.“ Der Prediger Bornas lachte schalkhaft und sie sahen, dass er dabei nicht nur an den warmen Herd, sondern auch an die dazugehörige Hausfrau dachte.

„Du denkst schon wie meine Frau Margareta. Habt ihr nichts anderes im Sinn als den Heimkehrenden schnellstens ins Ehebett zu bringen?“

„Fusius, eine entlaufene Nonne solle ich ehelichen, empfahl mir die Dame des Hauses, da ich es doch gewesen sei, der die Frauen aus ihrem Kloster-Paradies vertrieb.“

„Da hat sie so Unrecht nicht“, bestätigte Michael von der Straßen schmunzelnd.

„Ich trieb die Nonnen nicht heraus, um mir einen warmen Platz für mein Alter zu sichern“, knurrte Luther ein bisschen unwillig.

Die Männer wurden, durch ein Klopfen an der Tür, einer Erwiderung enthoben.

Der Hausdiener trat ein, erwartete eine Aufforderung zu sprechen, und meldete: „Die Herren von Einsiedel und von Kitzscher sind eingetroffen und bitten vorsprechen zu dürfen.“

„Bittet sie nur herein. Bruder Martinus kann es kaum erwarten, sich für ihren Schutz in Worms zu bedanken“, sagte der Hausherr und sich an den Flüchtling wendend fügte er hinzu: „Martinus, der Herr von Einsiedel brennt darauf, dir zu unterbreiten, welche Neuerungen er auf seinem Besitz einführen will.“

Die Männer traten unterdessen durch die weit geöffnete Tür, begrüßten die Anwesenden und besonders Dr. Luther. Dieser eröffnete sogleich das Gespräch: „Endlich kann ich mich bei euch bedanken, für die Unterstützung, die ihr mir in Worms wart. Ihr schütztet mich und die Meinigen vor dem Zugriff des Kaisers.“

„Martinus, wir waren, wie du sehen konntest, nicht allein und hätte der Kaiser dich ergreifen wollen, es wäre ihm nicht gelungen. Neben uns standen tausend Ritter unter der Führung des tapferen Franz von Sickingen zu deinem Schutz bereit“, antwortete Herr von Einsiedel.

„Das ließ die Habsburgerlippe des jungen Kaisers, im wahrsten Sinn des Wortes, fast auf die Knie rutschen“, beschrieb Herr von Kitzscher die Situation im Wormser Saal.

„Und trotzdem“, begann von Einsiedel erneut, „höre ich noch heute die Rufe der Wachen und nicht weniger im Saal: En el fuego, en el fuego – ins Feuer, ins Feuer!“

Wie zur Bestätigung des bestehenden Bündnisses mit Luther lösten er und der Herr von Kitzscher, der eine zwei, der andere einen prall gefüllten Beutel von ihren Gürteln.

„Das ist von mir und meinem Bruder Abraham“, dabei schob der von Einsiedel das Geld über den Tisch. Herr von Kitzscher tat es ihm gleich, nicht ohne darauf hingewiesen zu haben, dass diese Pfennige und Groschen seine Bauern und Knechte gegeben hatten. Luthers Gesicht überzog eine sichtbare Röte, dem wortgewaltigen Streiter Gottes fehlten in diesem Moment die Worte. Diese Verlegenheit überbrückend begann von der Straßen: „Das wirst du brauchen für den Druck unseres Neuen Testamentes in deutscher Sprache, das du uns ja, wie es die Spatzen von den Dächern pfeifen, von der Wartburg mitgebracht hast.“

„Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird beim Drucker Hans Lufft in Wittenberg eine erste Druckausgabe fertiggestellt sein. Mit eurem Geld, zu dem noch die Spenden der Bornaer Gemeinde kommt, werde ich eine weitere Ausgabe bezahlen können.“ Luther verneigte sich demutsvoll in die Runde und fügte, sich aufrichtend, hinzu: „Nur wisset, ich schrieb es gerade meinem Landesherrn“, er nahm den Brief auf: „Es war mein Gottvertrauen, das mich vor Papst und Kaiser bestehen ließ und nur diesem Gott will ich dienen.“

„Dem Feuer bist du, dank deines Urvertrauens entronnen. Dein Landesvater jedoch bot dir Schutz auf sicherer Feste“, bemerkte der Gnandsteiner von Einsiedel nachdenklich und fasste zusammen: „Es bildeten Gott und Mensch die Mauer, die sicherer Schutz dir wurde. Das bedenke auch in deinem Schaffen.“

„In diesem Sinnen passen wir hier im Raum, in den Mauern der Städte und Burgen, in Gottes Plan“, bestätigte Michael von der Straßen, „und ich, als ehemaliger Student deiner Universität, bestätige, wir alle sichern dein Werk, dass du es drucken lassen kannst, um es im Land zu verbreiten.“

Die Männer bestätigten einander und ließen die Becher kreisen.

„So wird dank solcher Hilfe gelingen, was Papst und Kaiser verhindern wollen. Solcherart kann ich getrost nach Wittenberg zurückkehren“, fasste Luther zusammen und Fusius bestärkte seinen Förderer durch ein kräftiges: „Amen!“

Borna, 26. April Anno 1522

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