Zwei Reiter kamen auf den Gutshof. Sie lenkten, als wären sie vertraut mit der Umgebung, ihre Pferde zum Stall. Einer von ihnen, gut gewachsen, in Reiterstiefeln und Mantel, kam, Hut schwenkend und rufend, nach wenigen Augenblicken über die Brücke, die den ehemaligen Burggraben überquerte, zur Gesellschaft gestürmt, die sich bereits zum Empfang erhoben hatte. Minna und Dora liefen jubelnd dem Ankömmling entgegen, fielen ihm um den Hals. Es war die Freude, endlich vereint zu sein.

Christian Körner, kein anderer war es, schwenkte die jungen Frauen, die eine links, die andere rechts und rief dabei, voller Ungeduld: »Wo ist mein Schiller?«

»Komm!«, rief Minna, »er sitzt mit uns an der Kaffeetafel und wartet, wie wir, auf dein Eintreffen.«

Den Hausherren begrüßte Körner, wie es die Regel verlangte. Doch dabei war schon im: »Zum Gruß, Freund Gottlieb« die Ungeduld zu spüren, die ihn mit großen Schritten trieb, seinen Freund Schiller endlich in die Arme zu schließen, was der Gottlob Ernesti mit einem verständnisvollen Lächeln quittierte.

Ferdinand und Pfarrer Moostorf, die Weinpokale in der Rechten, bekamen nicht mehr als eine grüßende Hand zu sehen. Während beiden der Rebensaft erneut durch die Kehlen rann, standen sich zwei Männer gegenüber, die geeignet waren, Geschichte zu machen. Sie legten einander die Hände auf die Schultern und genossen in beredtem Schweigen, einander fest in die Augen sehend, diese, ihre erste persönliche Begegnung.

»Liebster Schiller, wie sehnte ich diesen Augenblick herbei, Euch, verehrter Genius, in die Arme schließen zu können. Glaubt mir, dies ließ die Reisezeit von Dresden hierher ins idyllische Kahnsdorf wie im Flug vergehen.« Er zog den schwäbischen Dichter, der ihn um Haupteslänge überragte, in seine Arme.

Schiller erwiderte diese Geste, obwohl ihm die Verlegenheit anzumerken war. Er versuchte, von der aufsteigenden Rührung abzulenken, die ihm die Augen feucht werden ließen. »Ich bitte Euch, was soll Minna denken, wenn Ihr nach so langem Aufenthalt in Dresden mich so überschwänglich begrüßt, da allein ihr diese Herzlichkeit zukommen sollte.«

»Ich bin ihr herzlich zugetan und werde die kommenden Stunden und Jahre an ihrer Seite verbringen.« Christian Körner nickte seiner Minna voller Liebe zu. »Bester Freund, ihr Lieben, mich trieben auf meiner Reise einige wichtige Gedanken, unsere Freundschaft und künftiges Leben betreffend, voran und ihr alle sollt sie sogleich erfahren. Doch lasst uns vorerst Platz nehmen, um so die Neuigkeiten entgegenzunehmen. Auch sollten wir nicht vergessen, das edle Glas aus Murano zu füllen, denn es wird Grund genug sein, es klingen zu lassen.«

Die Magd kam dieser Aufforderung schnell nach, was Ferdinand mit Begeisterung quittierte. »Hei, wenn die neuesten Nachrichten aus deinem Mund, lieber Christian, meine Ohren ebenso erfreuen, wie das Geräusch des fließenden Weins, dann sollen die Gläser klingen in ihrem eigenen lebensbejahendem freudigem Klang.«

Christian, jetzt neben seiner Minna sitzend, deren schöne Züge in einem zarten Rot schimmerten, erhob sich und begann: »So hört die erste Freudennachricht: Meine Minna und ich werden, ebenso wie du, Ferdinand, und du, liebe Dora, im August in der Dresdener Frauenkirche heiraten.«

Der aufkommende Jubel am Tisch wurde mit einer konsistorialen Handbewegung von Christian unterbunden, denn der Oberkonsistorialrat in sächsischen Diensten, der er ja war, wandte sich nun an den Dichter: »Und Euch, lieber Schiller, wollen wir bitten, unser Trauzeuge zu sein.«

Jetzt ward dem Jubel kein Ende. Gläser und Herzen flogen gleichermaßen aufeinander zu. Während die Ersteren erklangen, wie Ferdinand zuvor gesagt hatte, schlugen die Herzen, als könnten sie der Enge der Brust entspringen.

Christian Körner hatte Mühe, die Tischrunde zu erneuter Aufmerksamkeit zu bewegen. »So hört doch den zweiten und dritten Gedanken«, rief er fröhlich über die Köpfe hinweg, »der Meister der Dichtkunst kann, so lange er eben will, in Dresden verbleiben. Es ist für ihn und auch für seinen uneigennützigen Freund Andreas Streicher Sorge getragen um Unterkunft und Versorgung in unserem Weinberghaus in Loschwitz am Ufer der Elbe.«

Während alle begeistert auf diese Ankündigung reagierten, saß Schiller sehr nachdenklich am Tisch unter der Kastanie. Ein letzter Sonnenstrahl fiel ihm ins Gesicht und es war nicht zu unterscheiden, ob die Röte seiner Wangen von diesem herrührte, oder von dem seiner Gedanken, die bei seinem Freund und Begleiter Streicher weilten. »Ja, mein Andreas«, schien Schiller zu reflektieren. »Mein Andreas, der mit mir nach Mannheim floh, der mir sein geringes Erbe und seine Ersparnis lieh. Der in Mannheim zurückbleibend mit Klavierunterricht sein Leben bestreitet, obwohl er nach Hamburg wollte, um bei Emanuel Bach Unterricht nehmen zu können.«

Als hätte Christian Körner die schwermütigen Gedanken von der Stirn des Genius abgelesen, erklärte er weiter: »Der Verleger Göschen wird in Zukunft für die rechtzeitige und verantwortbare materielle Absicherung tätig werden. Nun, ich meine, darauf sollten wir anstoßen.«

Und während Jubel und Gläserklang hinaufzogen in Äste und Zweige der uralten Kastanie, formte der Schlag des Dichterherzens einen unvergänglichen ersten Vers: Wem der große Wurf gelungen …

Jetzt hielt es Ferdinand nicht mehr auf seinem Stuhl. Er sprang so ungestüm auf, das sein Sitz nach hinten umschlug und nichts mehr an seine Müdigkeit vom Vormittag erinnerte, um voller Inbrunst ein Hoch auf den Überbringer der guten Nachrichten vorzubringen.

Nachdem sich die Begeisterung etwas gelegt hatte, erhob sich der Dorfgeistliche, klammerte sich an seiner Stuhllehne fest, um sein Schwanken nicht allzu deutlich werden zu lassen: »Ein Hoch auf das künftige Glück, ein Hoch auf den uneigennützigen Christian Körner und ein Hoch auf den schwäbischen Dichter, Friedrich Schiller und dessen Freund Andreas Streicher sowie ein weiteres Hoch auf deren endlich gesicherte Zukunft im schönen Sachsenland! Lang lebe unser Kurfürst, Friedrich August III., der nicht zu Unrecht Der Gerechte genannt wird.«

Jetzt standen sie alle um die Tafel, die Frauen und Männer mit leuchtenden Augen und Schiller unter ihnen und tranken einander zu. Sie jubelten, wie es nur Menschen können, die eine solche Zukunft vor Augen haben, wie Christian Körner sie gerade aufgezeigt hatte.

Die Schankmagd eilte um den Tisch, füllte die edlen Gläser, zum wievielten Male schon nach, da trat der Teichwart des Gutes an den Tisch heran, bat um Gehör und meldete, dass entsprechend einer Anordnung seines Herrn Ernesti alles für eine Kahnfahrt bereitet sei und die Herrschaften jetzt einsteigen könnten.

Dora und Minna zögerten keinen Moment und dankten freudig, hatten sie doch so die Gelegenheit, dem unaufhörlichen Leeren der Gläser entgehen zu können.

Christian Körner, die Beweggründe aufnehmend, die auffällige Röte seines zukünftigen Schwagers um Nase und Wangen bemerkend, winkte diesem zu und bat: »Nimm dich doch der Damen an, begleite sie und unseren verehrten Gastgeber zur Bootsfahrt. Schiller und ich bleiben hier, es gibt noch einiges zu besprechen. Der Abend ist noch lang und selbst die Nachtstunden können wir nutzen, um in meinen morgigen Geburtstag hinein zu feiern.« Gleichzeitig wendete er sich der Schankmagd zu und bat sie, er hatte die flehenden Augen Ferdinands bemerkt, diesem einen gut gefüllten Krug mit Wein ins Boot zu geben. »Damit mein Freund Ferdinand während der Fahrt die beiden Fräuleins gut unterhalten kann und damit ihm seine Zunge nicht wie Blei im Maul zu liegen kommt«, fügte er lächelnd hinzu.

Währenddessen hatte sich der Gastgeber unter Mitnahme des Pfarrers zum Gutshaus begeben. An der Tür winkte er einen Knecht heran, schob ihm den Geistlichen in den Arm und erklärte lachend: »Bringt unseren Pfarrer Moostorf sicher nach Hause. Achtet darauf, dass seine Frau ihn auch einlässt, er nicht bei der Ziege die Nacht verbringen muss.«

Sie trennten sich lachend.

Kurz darauf begab sich die Gesellschaft zum Steg. Die Damen ließen sich in den Kahn helfen und beobachteten dabei ihren Freund Ferdinand, wie dieser den Krug mit dem Wein, wie ein schönes Weib festhaltend, im Kahn Platz nahm. Unter fröhlichem Lachen und Zuwinken legte der Nachen ab. Körner und Schiller begleiteten ihn mit den Augen. Wenig später klang eine lustige Flötenmusik herüber.

»Dora«, erklärte Körner, »hat von Wolfgang Amadeus Mozart eine kleine Flötenkomposition geschickt bekommen. Die Melodie klingt gerade an unsere Ohren. Er bat sie, um ein Porträt in Silber. Und da es der Kunst bekanntlich immer am Gelde mangelt«, jetzt legte Körner dem Dichter verständnisvoll die Hand auf die Schulter und blickte ihm fest in die Augen, »sandte er als Anzahlung diese Musik, die wir hoffentlich heute Abend noch einmal hören werden.«

Eine Weile sannen sie den weichen Klängen nach, dann begann der Rat erneut: »Wie lange mussten wir auf diesen Tag der Begegnung, der Erfüllung unserer Freundschaft, warten. Auf dieses erste persönliche Gegenüberstehen, teuerster Freund.« Langsam löste Christian Körner seine Hand von der Schulter Schillers: »Ich glaube, dass das Hochgefühl dieser Stunde dazu geeignet ist, dir, lieber Freund Friedrich, das vertrauliche Du anzubieten.«

 

Langsam glitt der Kahn im Kerzenschein der Laternen an Bug und Heck in den Schatten des Herrenhauses. Die sinkende Sonne tauchte die Szene in ihr malerisches letztes Licht und die Nachtigall, in den Zweigen der Kastanie, wetteiferte mit der vom Teich herüberklingenden Melodie.

 

Schiller schwieg vor Ergriffenheit. In seinem Herzen lauschte er dem nach, was ihm da angeboten wurde. Seit einem Jahr fühlte er sich getragen vom Edelmut dieses Mannes und dessen Anhang.

»Danke, lieber Christian«, antwortete er mit bebender Brust. »Es scheint die rechte Stunde für diesen vertraulichen Beweis zu sein. Für das Du in unserer Beziehung und zur Beschreibung meiner Gefühle, meiner beschwingten Freiheit kann ich nur sagen:

 

Wollt ihr hoch auf der Freiheit Flügel schweben,

werft die Angst des Irdischen von euch,

fliehet aus dem engen, dumpfen Leben,

in das ideale Reich.«

 

Und Schiller fügte, immer noch ergriffen von diesem Moment, hinzu: »Lieber Christian, du gibst mir die Freiheit, die mich schaffen lassen wird. Schaffen, frei von Bedrängnis und Seelennot. Dafür sei mein bester Dank, den ich bieten kann, die Arbeit am Werk für die Menschen. Sie frei zu machen, wie du mich durch deinen edlen Großmut freimachst. Teuerster Freund, heute verwirklicht sich, was du mir im Mai schriebst: Verbrüderung der Geister ist der unfehlbare Schlüssel zur Weisheit. Schlicht und einfach das Nonplusultra, die Gottheit.«

»Was ist das Geld mehr als ein leerer Wahn und falscher Zauber«, erwiderte Christian Körner und schob dem Dichter einen Brief in dessen Tasche, was dieser nicht bemerkte, weil er voll Dankbarkeit antwortete: »Ja, du bist meine Errettung aus des Mammons Höhl und Hölle.«

Die Männer schwiegen und dann begann Körner erneut: »Unselig seid ihr ganz, wenn ihr dem Geld verfallen.«

Schiller ergänzte den Vers der Neuberin: »Dieser Zerberus lässt keinen aus seinen Krallen.«

»Ja Christian, du bist dem Gelde nicht verfallen! Verehren muss ich dich, einen Mann, der in einer Epoche, wo gewöhnlich die Glücklichen sich hauptsächlich den Genüssen mit verführerischer Erschlaffung hingeben und den besten Teil ihres Daseins verschwelgen, du nach Taten dürstest und so deinem eigenen Glück einen Teil Schuld abträgst. (Aus: Brief an Körner, Mai 85)

»Unser Bündnis weist weit in die Zukunft, das weiß ich und begründe es mit deinen bis dato erschienenen Werken und denen, die noch in deiner Feder stecken. Die Jugend freizumachen, sie zu bestärken, immer wieder an der Ordnung ihrer Väter zu rütteln und dadurch die Welt zu verändern, zu gestalten in neuen Generationen. Bestärken wird es auch die Dichter und Gönner, die uns nachfolgen, auch sie werden Kraft ziehen aus unserer Allianz«.

Und so standen sie, der Gönner Christian Körner und sein Dichterfreund Friedrich Schiller und blickten in das letzte feurige Rot der schwindenden Sonne, die dem Tag in Kahnsdorf sein Ende werden ließ.

Plötzlich wehte es kühl vom Teich herüber und wie aus dem Nichts umwob sie ein kühler Hauch. Staunend erschien den beiden in diesem Nebelstreif ein weiß gewandeter Knabe, geleitet von einem feengleichen Wesen. Dieser Knabe hielt in seiner Rechten ein strahlendes Licht und seinen Kopf umflorten die Gaben, die ein Zauberwesen aus seinem Füllhorn über ihm ausbreitete.

Einige Augenblicke später war, gleichsam mit dem Abendhauch, der Zauber gewichen, hatte einer feierliche Stille, die über der Landschaft lag, Raum gegeben und nur von Fern erklang Mozarts Melodie und der Gesang der Nachtigall.

 

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