Am Himmel leuchteten die Sterne. Heute strahlten sie nicht nur, heute füllten sie den Raum mit einer sphärischen Musik, die zu hören nicht jedem gegeben ist. Eingehüllt im samtenen Dunkel liefen die Liebenden durch Felder und Brachen. Johannes hielt Magdalena an der Hand. An den Stellen, an denen sich ihre Haut berührte, vereinten sich die Wellen des Glücks, die beide durchströmten. Immer wieder verhielten sie ihre Schritte, drehten sich zueinander und ihre Lippen fanden sich zum heißen Kuss.

So näherten sie sich langsam dem Schober, der zum Bauerngut gehörte. Geheimnisvoll stand der solide Holzbau im Licht der Nacht, das ihn in ein Schloss verwandelte. Das Tor stand offen und der Mond wies eine Bahn hinein in die Säle. Die Liebe führte die beiden über den silbernen Teppich des Mondes weit hinein in das himmlische Schloss. Nur einmal fragte Johannes: »Sollten wir nicht in unsere Kammern zurückkehren?«

Als Antwort verschloss Magdalena ihm den Mund, umschlang ihn wortlos und drängte ihren Körper an den seinen. »Nicht doch, nicht doch«, flüsterte sie. »Diese Stunde ist die Stunde der Liebe. Sie ist eine Macht, der der Mensch nichts entgegensetzen kann.«

Die zauberhafte Flutwelle hatte den Damm menschlicher Bedenken gebrochen. Heißer Atem war die Antwort. Die Liebe, die Macht der Welt, die nach Erfüllung drängte, hatte über sie gesiegt.

Magdalena und Johannes, die beiden Erdenkinder, standen und lauschten in die Tiefe des Himmels. Und immer tiefer fasste sie der Zauber der Liebe, schwangen ihre Seelen zurück ins Elysium.

Magdalena führte Johannes, der ihr willig folgte. Immer wieder flüsterte sie ihm ins Ohr: »Nein, mein lieber Johannes, heute nicht, heute kehren wir nicht um. Heute wollen wir beieinanderbleiben und wenn der neue Tag anbricht, will ich dir als deine Frau in den Armen liegen.«

Fortgewischt war das Leben des Johannes. Er ging an der Seite einer Fee. Wortlos staunend folgte er dem Zug ihrer kühlen Hände, die doch wie Feuer in den seinen brannten. Dann hatten sie das Lager aus Heu und Stroh erreicht, das ihnen jetzt wie eine königliche Lagerstadt erschien.

Im Kuss eng umschlungen, glitten die beiden zu Boden. Ihre Hände, gerade noch ineinander gefaltet, begannen zu wandern. Sie fuhren über Rücken und Brust hinunter zu dem Ort, von dem Ovid meinte, dass man ihn mit Geduld und Gefühl für das Kommende bereiten solle. Beide genossen dieses Spiel, an Stellen, die bislang nur ihnen selbst gehört hatten.

Trotz aller Wogen des Gefühls spürte Magdalena, dass sie, sollte diese Nacht ihre Nacht werden, der Steuermann bleiben, sie den Geliebten führen und lenken musste. Magdalena, sie hatte in ihren Klostertagen oft die Ars amatoria gelesen, kannte Ovid, der da geschrieben hatte, dass unnötige Hast der Erfüllung der Liebesglut dem Wasser gleich sei, mit dem Feuer gelöscht wird. Deshalb schob sie den Drängenden sanft von sich, löste seine Umarmung und tröstete den verdutzt blickenden Johannes mit einer Handbewegung, die wohl sagen sollte: Halte einen Moment inne. Dann erhob sie sich zu voller Größe und begann, ohne Hast, Haken und Ösen zu öffnen, die Kleidungsstücke mit anmutigen Bewegungen vom Körper zu lösen, um sie zu Boden gleiten zu lassen.

Johannes verfolgte gespannt jede ihrer Bewegungen, bis das letzte Kleidchen gefallen war. Seine Spannung stieg. Erregt betrachtet er die Linien ihres Körpers.

Nackt, wie Venus selbst, von der Hand eines Künstlers aus kalt schimmerndem Marmor geformt und voller Feuer entfachender Glut.

Überwältigt flüsterte Johannes: »Mein Gott, mein Gott. Bist du ein Geschöpf Gottes oder bist du eine Fee, die mich verzaubert?«

Glücklich genoss sie seine Erregung. Jetzt löste sie nach und nach ihre Zöpfe und flüsterte: »Ja, das bin ich, Johannes, und ich will dich verzaubern. Doch bedenke, auch ich will in dieser Stunde verzaubert sein. So sind wir beide Zauberer und Zauberlehrlinge zugleich. Die Macht der Liebe, die in den Seelen wohnt, wird unsere Hände führen.«

Sie bemerkte lächelnd, wie Johannes immer unruhiger wurde und löste, noch langsamer, ihr Haar, bis es ihr wie eine sanfte Welle um den Körper schlug. Auf diese Bewegungen und die dargebotene Schönheit reagierte Johannes wie ein Jüngling, der einen feuchten Traum durchlebt. Beschämt wandte er sich ab.

Magdalena, die diesen Moment abgewartet hatte, kniete sich vor ihn, zog seinen Kopf in ihren heißen Schoß und hauchte dabei seinen Namen. »Geliebter, ich will deine Frau sein.«

Ihre Lippen fanden sich.

Der feuchte Traum war vergessen, sie taten, wie die Liebe ihnen befahl.

Später lagen ihre ineinander verschmolzenen Leiber, beschützt vor den Blicken der Welt, unter der Weite des Himmels, der sein Licht wie eine Decke ausbreitete. Der laue Nachtwind küsste ihre Haut, die tastenden Hände taten es ihm gleich. Die Zeit stand still.

Wie oft sie zueinander fanden, niemand von beiden würde es später sagen können.

Die blaue Stunde, die Stunde in welcher sich Nacht und Tag für einen Augenblick vereinen, tat ihren Zauber fort und fort, und dieser prägte sich für später in beider Herzen unvergesslich ein.

Als die Stunden wieder flossen, lagen sie noch immer eng umschlungen, zwei Kinder Gottes, in der aufkommenden Kühle des anbrechenden Tages, die sie nach und nach wieder in die Gegenwart zurückholte.

»Magdalena, meine Frau«, dachte Johannes, als der Zauber schwand, er die Augen aufschlug. Durch seinen Kopf zog ein Bild. Er sah zwei bunte Libellen im Licht der Sonne auf- und niedertanzen.

Das Bild wurde zu Worten und die flüsterte er Magdalena, die auch zurückkehrte, ins Ohr:

 

»Zwei Seelen, die die Liebe tragen

tanzten gleich Libellen

wie in fernen, sanften Tagen des Elysiums.

 

Die Macht der Liebe,

die die Seelen tragen,

von Äolus fortgeweht

aus dem Elysium

das ist die Kraft,

die Zeus den Menschen neiden lässt.«

 

Später erhoben sie sich, kleideten sich an und verließen Hand in Hand ihr Obdach. Als Frau und Mann liefen sie zurück durch die Felder, die sie am vergangenen Abend als Junge und Mädchen durchquert hatten.

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